Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum?", diese Fragen stellt Thomas Mann gegen Ende seines Romans "Der Zauberberg", als es auf den letzten Seiten um die Kriegserlebnisse des Protagonisten Hans Castorp geht, dessen Spuren sich in den Wirren des Ersten Weltkriegs verlieren.

Mit eben diesen Fragen beginnt nun Sebastian Hartmanns "Zauberberg"-Inszenierung am Deutschen Theater Berlin, die am Wochenende als einmaliger Live-Stream vor leeren Rängen über die Bühne gegangen ist. "Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum?", ein röchelnder, hüstelnder Chor wiederholt diese Zeilen mehrfach, am Computer-Bildschirm flimmert zunächst nur ein schneebedecktes Bergpanorama, die Graubündner Bergwelt vermutlich, wo sich bis heute in Davos das "Waldhotel" befindet, jenes Luxussanatorium, das dem berühmten Roman zugrunde liegt.

Sinnsuche

Nacheinander tauchen die Figuren auf der Bildfläche auf, acht Schauspieler betreten die leer geräumte, blendend weiße Bühne, tragen Bodysuits, die sie komplett entstellen - mit grotesk aufgeblähten Bäuchen, überdeutlich ausgemergelten Knochen und kreidebleich geschminkten Gesichtern wirken sie seltsam geschlechts- und identitätslos, als hätte sie die Lungen-Krankheit irgendwie entmenschlicht. Eindeutige Bühnenfiguren lassen sich diesen versehrten Gestalten nicht mehr zuordnen, nur eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Sie sind allesamt in schlechter Verfassung.

Regisseur Hartmann verzichtet in seiner "Zauberberg"-Inszenierung auf eine simple Nacherzählung des Alltags im Sanatorium mit seinen Ritualen zwischen Fiebermessen, Liegekuren und Spaziergängen und geht die Sache damit grundlegend anders an als herkömmliche Thomas-Mann-Bühnenbearbeitungen, bei denen die Figuren im epischen Schnellschritt durch die verschlungene Handlung eilen, was meist zu szenisch eher dürren Veranstaltungen führt, bei denen tiefergehende Dimensionen notgedrungen ausgeblendet bleiben.

Bei Hartmann geht es hingegen ausschließlich um die philosophischen Aspekte - das Phänomen von Zeit und Endlichkeit, die Frage nach dem richtigen Leben sowie Schrecken und Faszinosum des Todes. Anders als im Roman, gibt es auf der Bühne keine auktoriale Erzählerposition, vielmehr folgt die Szenerie der Dramaturgie eines Albtraumes. Assoziation geht vor Narration. Gefühl vor Vernunft. Statt psychologischer Figurenführung dominieren postdramatische Spielweisen - wie Wiederholungen, choreografierte Sequenzen und chorische Passagen.

Eine vielversprechende Herangehensweise, die auch zu gelungenen Szenen führt. "Ich bin der Welt abhanden gekommen", sagt einmal eine der Bühnenfiguren. Sätze wie dieser entfalten in einem leeren Theatersaal, zu einer Zeit, in der eine Pandemie die Welt im Griff hat, eine starke Wirkung. Doch wie sich der Theaterabend tatsächlich entwickelt, lässt sich aufgrund des Live-Streamings kaum beurteilen. Beim Streaming wurde mit sechs Kameras gearbeitet, es gab etliche Überblendung, mehrfach belichtete Bilder und Großaufnahmen. Durch diese filmischen Stilmittel wirkt das ohnehin schon komplexe Bühnengeschehen noch wesentlich abstrakter. Auch auf der Bühne wird häufig mit Videoeinspielungen und Verfremdungen auf der Bildebene gearbeitet. Bei dem etwas manieriertem Hin- und Herblenden verliert man jedenfalls zunehmend die Orientierung. Wer hier noch einen Sinn sucht, ist heillos verloren. Möglicherweise folgt diese Verwirrung einem albtraumhaften Kalkül, das gereicht dem Unternehmen aber nicht unbedingt zum Vorteil.

Die reale Bühnenpremiere ist für 13. Dezember angekündigt, derzeit gibt es auch auf Deutschlands Bühnen aufgrund einer zweiten Corona-Infektionswelle ein Aufführungsverbot. Möge der Vorhang wieder hochgehen!