In diesem Frühjahr kam das öffentliche Leben zum Erliegen, auch die Theater blieben geschlossen, im Internet aber konnte man Aufführungen aus New York und Graz ansehen, aus Berlin und Bregenz. Die Bühnen haben in einer ersten Reaktion auf die Zwangspause einfach ihre Archive geöffnet und alles, was ging ins Internet gestellt Online-Overkill.

Die Theatermacher haben mittlerweile dazugelernt. Im zweiten Lockdown bietet sich dem interessierten Publikum ein besser sortierter Online-Auftritt. Es wird deutlich weniger gestreamt, dafür finden die Projekte konzentrierter und kuratierter statt. Qualität vor Quantität. Das Internetportal nachtkritik.de nimmt hier eine zentrale Rolle ein und stellt einen laufend aktualisierten Online-Spielplan zur Verfügung. Beispielhaft geht etwa das Münchner Residenztheater vor, das in der Zwangspause ein Großprojekt lanciert: Im Rahmen ihres Streamingformats "Resi sendet" wird Georg Büchner umfassend online präsentiert. Herzstück ist "Dantons Tod" in der Inszenierung von Sebastian Baumgarten. Das war die letzte Premiere vor dem Lockdown, der überaus sehenswerte Abgesang auf Revolutionen jeder Art ist noch bis Ende November online, auch Ulrich Rasches "Woyzeck", 2018 zum Berliner Theatertreffen geladen, wird derzeit gestreamt, ab 28. November folgt "Leonce und Lena".

Flankiert werden die Inszenierungen von Lesungen aus Büchners Briefverkehr und Büchners revolutionäre Beiträge in der Flugschrift "Der Hessische Landbote".

Das Deutsche Theater Berlin punktet mit einem eigens eingerichteten digitalen Bereich, auf dem einmalige Streamings angeboten werden, wohl um die Unwiederbringlichkeit eines Theaterereignisses auch im digitalen Raum herzustellen. Die jüngste Premiere, Thomas Manns "Der Zauberberg", wurde mit beträchtlichem Aufwand online gezeigt. Am 28. November ist für 24 Stunden René Polleschs Film "Das Nepski-Prospekt" zu sehen.

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Heike Goetzes Inszenierung "Geschichten aus dem Wiener Wald" war vor dem Lockdown so gut wie fertig, das Deutsche Schauspielhaus Hamburg spielte die Premiere vor leeren Rängen und streamte sie live im Internet. 1500 Zuschauer waren mit dabei, die Resonanz in den sozialen Medien war derart ermutigend, dass die Bühne nun zwar nicht täglich, aber regelmäßig "Geistervorstellungen" mit Live-Streaming ansetzt.

Während Bühnen in Deutschland mit diversen Online-Streaminig-Strategien experimentieren, verharren die heimischen Großbühnen in Schockstarre. Auf der Burgtheater-Homepage findet man weder Streaming-Angebote noch die im ersten Lockdown so beliebten Wohnzimmer-Lesungen. Einzig für ein junges Publikum lesen Burg-Schauspieler Märchen vor, jeden Montag wird ein neuer Video-Clip hochgeladen. Die Josefstadt setzt ihre Zusammenarbeit mit dem Globe-Theater fort und stellt ausgewählte Archiv-Aufführungen zur Verfügung.

Experimentierfreudiger ist die freie Szene sowie das Kinder- und Jugendtheater. Das Rabenhoftheater bietet etwa einen Online-Adventkalender an, der ein Wiedersehen mit Publikumslieblingen wie Ernst Molden, Christoph Grissemann und Andreas Vitasek bietet. Das Theater der Jugend hat mit dem Mozart-Film "Wunderkinder" ein länderübergreifendes Projekt realisiert, das nun online gezeigt wird. Dass Landestheater Niederösterreich streamt am Freitag, 28. November, seinen Bühnenhit "Die Nibelungen".

Statt Vorhang hoch heißt es derzeit Bildschirm an!