Wie sich die Bilder gleichen: Im Frühjahr hat Christoph Waltz im Theater an der Wien den "Fidelio" inszeniert, doch der Lockdown machte der Premiere einen Strich durch die Rechnung. Um die Arbeit des Hollywood-Stars zu retten, wurde der Abend für die ORF-Kameras aufgeführt. Im zweiten Lockdown wandert nun abermals eine Premiere des Hauses ins Fernsehen. Mozarts "Le nozze di Figaro", ursprünglich für Mitte November geplant, wird am Sonntag vor leeren Reihen aufgeführt und ab 20.15 Uhr auf ORFIII gesendet. Auch diesmal ist dem Theater ein Besetzungscoup gelungen, hat es zur allgemeinen Überraschung doch Alfred Dorfer für die Regiekanzel gewonnen. Ein Gespräch mit dem Satiriker über Mozart, Masken und die Mühen der Eigenverantwortung.

"Wiener Zeitung": Sie waren nicht gerade ein Fan von Livestreams während des ersten Lockdowns. Wie geht es Ihnen damit, dass jetzt Ihre Premiere auf dem Bildschirm stattfindet?

Alfred Dorfer: Ich bin froh darüber. Denn nur so konnten wir den "Figaro" überhaupt abschließen. Und es verschaffte den Sängern die nötige Motivation für die schwierige, überlange Probenzeit. Außerdem soll der Abend ja vor Publikum gezeigt werden, sobald das wieder erlaubt ist.

Welche Corona-Auflagen mussten Sie beherzigen, wie mühsam war das?

Der Chor kommt zum Teil vom Band; die Sänger haben mit Masken geprobt, alle drei Tage wurden wir getestet - das Theater ist ein Hochsicherheitstrakt. Außerdem: Wir hatten die Vorgaben, dass es keine Pause geben darf. Darum mussten wir das Stück dramatisch kürzen, es dauert jetzt zirka zwei Stunden fünfzehn.

Sie geben Ihr Operndebüt mit Mozarts "Figaro" - einem schwierigen, heiklen Stoff. Warum haben Sie Intendant Roland Geyer nach einigem Zögern zugesagt?

Eine Schwierigkeit wäre für mich eher ein Anreiz. Gezögert habe ich aus Respekt vor dem Werk und der Musik. Ich musste mir überlegen, ob ich das nötige Handwerk mitbringe, um etwas Konstruktives zum "Figaro" beizutragen. Es war dann schließlich eine Bauchentscheidung, weil ich diese Oper liebe. Dabei bin ich immer noch unsicher, ob ich es kann. Es wird sich im Nachhinein herausstellen, was gelungen war und was nicht.

Sie sind als Kind mit klassischer Musik aufgewachsen. Haben Sie diese Beziehung später aufrechterhalten?

Diese Musik hat mich immer begleitet, abgesehen von der Pubertät, als ich Hardrock und Reggae hörte. Im Prinzip wurde dieses Band nie durchtrennt, ich hatte in den Vorjahren ein Abo im Theater an der Wien.

Ihre "Figaro"-Regie spielt in einem verfallenen Schloss, der Graf ist ein Geldadeliger. Ein Opernabend im Heute?

Auf jeden Fall, ohne Twitter oder WhatsApp zu verwenden. Die Figuren verhalten sich schon bei Mozart heutig, wir zeigen sie in moderner Kleidung. Der Abend spielt in einem Schlösschen, das langsam im Umfeld von Wien dahinrottet.

Ergibt so ein Zeitsprung beim "Figaro" Sinn? Die Oper dreht sich ja um ein ganz konkretes Adelsprivileg, das Ius primae noctis.

Dieses Recht gab es schon nicht mehr, als Mozart den "Figaro" herausbrachte, die Erwähnung war bereits bei ihm eine Ironie. Auch wir verwenden das als ironisches Aperçu. Was aber über die Jahrhunderte gleichblieb, ist der Missbrauch von Hierarchien. Macht, Intrige und Liebe: Das kennen wir alles genauso aus der Gegenwart.

Vom Opernregisseur Dorfer erhoffen sich manche vermutlich ein Gag-Feuerwerk. Sie wollen Mozart aber nicht mit Pointen anreichern, richtig?

Ich würde mir wünschen, dass man an diesem Abend nicht die Handschrift eines Satirikers und Komikers spürt. Wir haben keine Gags dazugenommen, die nicht aus dem Stück erwachsen, keinen Klamauk, keine Video-Leinwand. Aus meiner eigenen Bühnenarbeit bin ich es gewohnt, mit recht einfachen technischen Mitteln zu arbeiten. Falls sich an diesem Abend eine Regie-Handschrift mitteilt, dann sollte es diese sein.

Sie sagen: "Es gehen nicht viele Menschen in die Oper wegen der Regie, aber viele Menschen gehen nicht mehr in die Oper wegen der Regie." Kurz: Diese Spielleiter sollten sich nicht zu wichtig nehmen. Aber sind in einem Opernbetrieb mit den immergleichen Klassikern nicht neue Regien nötig?

Es ist nichts einzuwenden gegen neue Ansätze, aber gegen Eitelkeit - ob sich jemand in den Vordergrund drängt, der in Wahrheit nicht der Wichtigste des Abends ist.

Apropos wichtig: Wer ist für Sie die Kernfigur in dieser Opernhandlung?

Susanna, Figaros Verlobte. Sie ist fast die ganze Zeit auf der Bühne und hält die Fäden bei den Untergebenen in der Hand; irgendwann steigt dann die Gräfin zu ihr ins Boot. Interessant: Figaros Intrigen gehen nicht auf, bis die Frauen das Heft in die Hand nehmen, dann klappt’s.

Sie inszenieren den "Figaro" nicht alleine, sondern gemeinsam mit Kateryna Sokolova, einer Frau vom Fach. Steht sie Ihnen als Troubleshooterin bei handwerklichen Fragen zur Seite?

Nein, wir arbeiten absolut auf Augenhöhe. Aber natürlich profitiere ich von ihrem praktischen Wissen, sie hat auch den "Figaro" schon inszeniert.

Bei Mozart beweisen Untergebene Köpfchen und triumphieren über widrige Umstände. Gedankensprung in die Gegenwart: Wie steht es um die Intelligenz von Menschen, die im Lockdown fröhlich herumwuseln? Überschätzt das Konzept der Eigenverantwortung den Durchschnittsbürger?

Ich glaube schon, dass dieses Konzept funktioniert - aber nur bis zu einem gewissen Grad, was dabei besonders bemerkbar ist. Hinzu kommt: Wenn Regeln unnachvollziehbar sind, wie das bei den Corona-Maßnahmen teils der Fall ist, führt das zu fehlendem Verständnis.

Manche hoffen, die Welt würde nach Corona umdenken, ihr Mobilitätsverhalten umkrempeln und die Klimaprobleme anpacken. Was meinen Sie?

Ich glaube, wir kehren nicht zur Gänze dorthin zurück, wo wir vor der Pandemie waren. Geschäftsreisen werden abnehmen, Arbeitsstunden im Homeoffice ansteigen und Ähnliches. Ich glaube aber nicht, dass wir als geläuterter Umwelt-Paulus aus dieser Krise herauskommen. Man denke nur an das hohe Paketaufkommen mit seinen vielen negativen Auswirkungen.