"Ist Martin Schläpfer wirklich eine optimale Besetzung nach Manuel Legris, der doch meist dem puren klassischen Ballett frönte?", fragte sich so mancher Freund des Wiener Staatsballetts. Denn Schläpfer ist im deutschen Sprachraum vor allem für seine gegenwärtigen Inszenierungen bekannt. Die Premiere von "Mahler, Live" am Freitagabend als zeitversetztes Live-Streaming auf arte gibt eine Antwort: Schläpfer zeigt sich als eleganter, feinfühliger Choreograf, der das Staatsballett bildstark ins Heute führt.

"4" nennt der neue künstlerische Direktor schlicht seine erste Kreation für das Staatsballett. Doch gewaltig in seiner Inszenierung flimmert dann sein Werk über den Bildschirm: Rund hundert Tänzer lässt Schläpfer zur Vierten Sinfonie von Gustav Mahler manchmal unisono, dann im Canon bewegen. So kreativ wie er die Formationen in Szene setzt, so abwechslungsreich ist auch das Schrittrepertoire: teils zeitgenössisch, teils vorrangig klassisch - immer aber auf Balletttechnik basierend. Es scheint, als ob sich Schläpfer die Stärken seiner Tänzer zu eigen macht. Yuko Kato und Rebecca Horner etwa, zwei Tanzakteurinnen, die neben ihren starken Persönlichkeiten ein herausragendes Duo in ihren modernen fließenden Bewegungssequenzen abgeben. Oder Denys Cherevenko und Davide Dato, die ihre Pirouetten einmal mehr zur Schau tragen; jedoch ohne Angeberei mit ihrer Virtuosität, sondern elegant in die Choreografie eingebettet.

Kein bunter Haufen: Das Ensemble des Staatsballetts in Martin Schläpfers "4". - © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Kein bunter Haufen: Das Ensemble des Staatsballetts in Martin Schläpfers "4". - © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Entfaltete Femininität

Geschmackvoll auch die asymmetrischen schwarzen, weißen und blauen Kostüme von Catherine Voeffray, die jeden einzelnen Tänzer zum Individuum erklären und die Ensemblemitglieder nicht in ihrer Menge verschwinden lassen. Das bringt - neben kleinen Ungenauigkeiten - manchmal auch Unruhe in Tutti-Szenen. Dennoch ist es eine willkommene Abwechslung, wenn Tänzerinnen nicht nur als asexuelle himmlische Wesen gezeigt werden, sondern als Frauen, die ihre Femininität auch im Ballett auf der Bühne entfalten können.

Schläpfer ist es gelungen, mit seiner Wahl der Mahler-Symphonie das Staatsopernorchester in großer Besetzung ins Ballett zu locken. Eine Seltenheit. Axel Kober weiß den Mahler-Klang der Wiener und die Doppelbödigkeit der Symphonie für den Tanz zu übersetzen, so wie Regisseurin Myriam Hoyer die Inszenierung für den Bildschirm adaptiert.

Detailreiches Spiel der Mimik

Mit dem Blick aufs Detail: Olga Esina in Hans van Manens "Live". - © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor
Mit dem Blick aufs Detail: Olga Esina in Hans van Manens "Live". - © Wiener Staatsballett/Ashley Taylor

Mit "Live" in der Choreografie des niederländischen Altmeisters Hans van Manen startet der Tanzabend. 1979 als erstes Video-Ballett entstanden, wurde das Stück seither nur von van Manens eigener Kompagnie getanzt. Schläpfer konnte es dennoch mit Originalkameramann Henk van Dijk nach Wien holen: In der Musik von Franz Liszts - am Klavier gefühlvoll begleitet von Shino Takizawa - werden Körperpartien von Olga Esina per Handkamera auf die Leinwand projiziert. In der frühen neoklassischen Van-Manen-Choreografie sieht der Zuseher detailreich das Spiel einer Hand, eines Fußes oder auch Esinas ausdrucksvolle Mimik. Esina verlässt, gefolgt von der Kamera, die Bühne, trifft im Foyer der Staatsoper den Tänzer Marcos Menha für ein intensives Pas de deux, um dann nur mit einem Trenchcoat und in Spitzenschuhen bekleidet in die Wiener Nacht zu entschwinden.

Es ist eine gelungene TV-Premiere, die das Live-Event mitnichten ersetzen kann. Die Schlussverbeugung der Künstler in absoluter Stille hinterlässt ein bedrückendes Gefühl – trotz dem geglückten Einstand des neuen Direktors und Chefchoreografen.