Berlin. "Die Lust des Schauspielers am Schauspielen hat viel mit Adrenalin zu tun", erklärt Lars Eidinger. Es gäbe dabei weder eine genaue Planung, eine Vorbereitung oder einen Akt des Schöpfens, sondern: "Es spielt alles zusammen, es ist ein sehr komplexer Akt, den man schwer beschreiben kann."

Was Eidinger allerdings beschreiben kann, das ist seine Freude über sein Engagement als neuer "Jedermann". Bei den Salzburger Festspielen wird er ab Sommer 2021 diese bedeutende Rolle von Tobias Moretti übernehmen, an seiner Seite als "Buhlschaft" spielt Verena Altenberger, wie am Wochenende bekanntgegeben wurde.

"Ich selbst wusste es schon länger, aber es wurde Stillschweigen vereinbart", so Eidinger, der sich allerdings nie hätte träumen lassen, einmal diese Rolle spielen zu dürfen. "Den Jedermann hast du nicht auf der Liste, wenn du aus Berlin-Marienfelde kommst", sagt Eidinger. "Ich bin erst spät auf das Stück aufmerksam geworden. Als ich 2007 mit Birgit Minichmayr den Film ‚Alle anderen‘ drehte und sie damals gerade als Buhlschaft in Salzburg verpflichtet worden war, da meinte sie, sie könne mich für die Rolle des Todes vorschlagen. Ich wusste damals gar nicht recht, was sie von mir wollte."

Sich in der Bestätigung geborgen fühlen

Eidinger, 1976 in Berlin geboren, gehört zu den besten deutschen Schauspielern seiner Generation und ist seit 21 Jahren Mitglied des Ensembles der Berliner Schaubühne. "Als Schauspieler willst du dich gerne verkleiden, aber das ist nicht der Grund, weshalb man auf die Bühne geht", sagt Eidinger. "Man sucht das Angeschautwerden, man sucht die Bestätigung, die man erfährt, und darin kann man sich auch auf eine Weise geborgen fühlen, wie man es im Alltag nicht hat. Man bekommt auf der Bühne eine Art Überaufmerksamkeit, und das ist sehr intensiv, in den einzelnen Momenten. Das ist, wie wenn man mit dem Fahrrad hinfällt, dann erlebt man diesen Moment auch wie in einem anderen Raum-Zeit-Kontinuum, es ist alles verlangsamt, man ahnt bereits im Moment des Sturzes, wie der Kopf aufschlägt, und man sieht das alles voraus, ohne es noch verhindern zu können. Das hat eine andere Konzentration auf den Moment und hat mit Adrenalin zu tun. Beim Spielen ist das ähnlich: Man hat eine ganz andere Wahrnehmung für das Spielen, für einen selbst, für sein Gegenüber. Das kann wahnsinnig berauschend sein."

Und der Applaus danach? Für Eidinger ist er eher befremdlich, denn: "Ich weiß dann nicht, wie ich da stehen soll, im halbprivaten Moment." Mit dem Applaus ende der Abend abrupt und Eidinger wird aus seiner Rolle wieder in die Realität gerissen. Was zu Unsicherheiten führt. "Ich geniere mich dann regelrecht, wenn die Leute applaudieren. Ich würde am liebsten direkt nach der Vorstellung abhauen. Denn die Bestätigung erfahre ich schon beim Spielen, nicht danach. Ich weiß auch nie, wie ich am roten Teppich dastehen und mich verhalten soll." Eidinger hat aber eine Lösung gefunden, wie er diese Momente übersteht. "Ich stelle mir vor, ich bin jemand anders, ich stülpe also wieder eine Rolle über. Ich denke mir oft, ich bin ein Cowboy, dann geht das schon."

Den "Jedermann" will Eidinger im kommenden Jahr ohne allzu viel "Ehrfurcht" anlegen. Es stimmt, die größten Schauspieler des deutschen Sprachraums haben diese Rolle gespielt, aber: "Das sind nun einmal Rollen, die von Schauspielerpersönlichkeiten ausgefüllt werden, genau wie der Hamlet", sagt Eidinger. Wenn man ihn um ein Vorbild fragt, ist er nicht verlegen: "Für mich ist Gert Voss der größte deutschsprachige Schauspieler gewesen. Dass ich gewissermaßen in seine Fußstapfen treten darf, das ist für mich eine große Ehre."