- Offen - zu - offen - zu. Für die Theater sind die coronabedingten Maßnahmen seit März eine wahre Hochschaubahnfahrt. Manche schmeißen da die Nerven weg. Nicht so Produktionsleiterin Julia Haas. Das liegt einerseits an ihrer beruflichen Situation, die besser ist als die vieler Kolleginnen und Kollegen in der Freien Szene. Und auch an ihrer professionellen Gelassenheit. Fast jede Theaterproduktion durchlebt schließlich Krisen und benötigt einen kühlen Kopf im Hintergrund.

Die gebürtige Deutsche studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften an der Uni Wien und versuchte über Regieassistenzen im Metier Fuß zu fassen. Dort versuchen aber meist angehende Regisseurinnen und Regisseure, erste praktische Erfahrungen zu sammeln. Ein Organisationstalent wie Julia Haas wurde also an die Betriebsbüros weitergereicht. Bald bekam sie erste Angebote für Produktionsleitungen in der Freien Szene. "Mit Künstlerinnen und Künstlern zu arbeiten hat seine Vor- und Nachteile", lacht Haas, danach gefragt, ob sie in ihrem Traumjob gelandet ist. "Ich arbeite gerne mit Zahlen, mache gerne Budgets und erstelle gerne Listen. Alles, was viele Künstler nicht so gerne machen. Und ich liebe es, immer wieder neue Projekte auf den Weg zu bringen."

Die Arbeit wird nie weniger

Seit 2011 ist Julia Haas Teil der Freien Gruppe makemake produktionen rund um Regisseurin Sara Ostertag. Die ästhetische und inhaltliche Qualität der Produktionen wurde mit einem Nestroypreis für "Muttersprache Mameloschn" (2018) und einer Nestroy-Nominierung für "Das große Heft" (2020) gewürdigt. Als freie Produktionsleiterin arbeitet sie aber auch mit anderen Gruppen, etwa mit jenen um Volker Schmidt oder Alireza Daryanavard. Daraus ergibt sich auch ihre berufliche Situation: Bei makemake ist sie seit einem Jahr angestellt, gleichzeitig ist sie für ihre anderen Arbeiten quasi freie Unternehmerin. Will heißen: Mit Anträgen und Formularen kennt sie sich aus. "Durch die vielen Einreichungen und Abrechnungen fällt mir auch der Umgang mit den ganzen Corona-Unterstützungen einfacher als anderen. Das hat auch der AMS-Unternehmensberater anerkennend festgestellt."

Allerdings sei keine der Maßnahmen im Kulturbereich für sie selbst sinnvoll gewesen, erzählt Julia Haas. Doch halb so schlimm, schließlich hat sie viele Projekte im Laufen und nur wenige Totalausfälle an Aufträgen zu verzeichnen. "Die Arbeit wird nie weniger", meint sie im Gespräch mit der APA. Alleine die über Videokonferenzen geführten Beratungen nach der jüngsten Lockdown-Verlängerung hätten halbe Tage in Anspruch genommen. Mit jeder weiteren Verschiebung werde es schwieriger, noch freie Räume und Termine zu finden. Im Frühjahr 2020 hatte makemake glücklicherweise nur Wiederaufnahmen geplant. Das für November geplante Stationentheater nach Ruth Klügers Buch "weiter leben" soll nun im Mai stattfinden. "Das fühlt sich relativ sicher an", meint Haas unter Verweis auf die Open-Air-Bedingungen dieser Produktion. Die für April 2021 vorgesehene Dramatisierung von Marie Gamillschegs Roman "Alles was glänzt" kann hoffentlich dann Premiere feiern.

"Meine Motivation ist verschwunden

Die Stimmung in der Szene, die im ersten Lockdown noch von Verständnis und Improvisationswillen getragen gewesen sei, habe im zweiten Lockdown umgeschlagen, erzählt die Produktionsleiterin: "Meine Motivation ist gerade total verschwunden." Dass die Theater geschlossen bleiben müssten, um Einkaufen und Skifahren zu ermöglichen, stoße auf wenig Verständnis. "Alle hatten das Gefühl, dass wir als Erste dem Weihnachtsshopping weichen mussten." Dazu komme die Unsicherheit, was das prognostizierte Wieder-Ansteigen der Infektionsraten nach den Weihnachtsfeiertagen für die Kultur bedeuten werde. "In der Politik hat man wohl das Gefühl, dass die Kultur eh' leicht auf- und zugesperrt werden kann. Das Wissen über die Kultur ist dort scheinbar oft nicht sehr groß - wovon ich ausdrücklich Staatssekretärin Andrea Mayer ausnehme: Sie hat wirklich eine Ahnung von der Materie."

Insgesamt fühle sich Freies Theater "im Moment extrem unfrei an". Die meisten Künstler, die in der Freien Szene arbeiteten, hätten sich bewusst dafür entschieden, doch die finanzielle Lage habe sich überall weiter zugespitzt. Selbst gering scheinende Summen in Rahmen der Corona-Hilfen würden daher oft schon eine substanzielle Unterstützung bedeuten, sagt die Produktionsleiterin. "Der Druck nimmt noch einmal zu. Die Pandemie zeigt nun erst recht, wie prekär die Verhältnisse sind." (apa)