Das Bühnenbild lässt sich schon erahnen durch den transparenten Vorhang, die Staatsoper erstrahlt gewohnt in festlichem Samt. Das Glitzern der Kronleuchter wird matter. Der Konzertmeister gibt den Kammerton, das Orchester stimmt die Instrumente, Bertrand de Billy betritt den Graben. Doch an diesem Donnerstag ist es nicht tosender oder zumindest freundlicher Applaus, der den Dirigenten am Pult empfängt, sondern gespenstische Stille. Sie wird nur durch vereinzeltes Grüßen der Musiker durchkreuzt. N’Abend, Abend, Bonsoir.

Besondere Umstände verlangen nach ebensolchen Maßnahmen: Die Wiederaufnahme von Jules Massenet "Werther" an der Staatsoper fand am Donnerstag ohne Publikum statt. Live erlebt einzig von den (getesteten) Mitwirkenden und einer Handvoll Journalisten. Einzeln in Logen von einander getrennt, mit kontrollierter Körpertemperatur und durchgehend FFP-Masken vor Mund und Nase. Wer mit einer gut gefüllten Straßenbahn zur Oper angereist ist, dem erscheint das Setting noch gespenstischer. Mitverfolgt und aufgezeichnet wurde diese unheimlich stille Produktion von TV-Kameras, die das im Kultur-Lockdown schmerzlich vermisste Opern-Live-Erlebnis zumindest digital in die heimischen Wohnzimmer liefern sollen.

Es weihnachtet in der Staatsoper: Gaëlle Arquez und Piotr Beczala bei ihren Debüts als Charlotte und Werther. - © Wr. Staatsoper/M. Pöhn
Es weihnachtet in der Staatsoper: Gaëlle Arquez und Piotr Beczala bei ihren Debüts als Charlotte und Werther. - © Wr. Staatsoper/M. Pöhn

Lyrik statt Kitsch

Bertrand de Billy konzentrierte sich bei dem "Drame lyrique" ganz auf das Lyrische, auf die elegante Seite der Partitur. Zärtlichkeit statt Pathos, Klarheit statt Überschwang, plastische Details statt schwülstigem Kitsch. Sängerfreundlich und stringent von der ersten bis zur letzten Note.

Einziger Schatten am glänzenden Rollendebüt von Piotr Beczala in der Titelpartie: Bei so viel tenoraler Kraft und Schönheit bleibt kaum Platz für Zwischentöne. Der Sprung von der glänzenden Partie zum Charakter mit Tiefgang gelingt Beczala nur punktuell. Zugegeben: ein Luxusproblem. Gänzlich umgekehrt das Debüt von Gaëlle Arquez als Werthers Liebe Charlotte: Ihr seelenvoller Mezzo ist fein timbriert, schwirrt und lodert. Was ihr zur Idealbesetzung (noch) fehlt, ist eine Scheibe jener vokalen Strahlkraft, die ihr Bühnenpartner im Übermaß besitzt. Fern dieser Probleme ist Werthers Gegenspieler: Die vielleicht etwas hölzerne, solide Geradlinigkeit des Clemens Unterreiner passt gut zum rechtschaffenen, latent gewaltbereiten Albert. Daniela Fally hat mühelos die Höhe für die kleine Schwester Sophie, die Leichtigkeit fehlt ihr mitunter.

Andrei Serbans 50er-Jahre-Inszenierung mit Riesenbaum funktioniert nach wie vor tadellos.

Zwei respektable Debüts in einer musikalisch wie szenisch eleganten Interpretation - das ist nicht das einzige Resümee dieses Abends. Nicht dass man kratziges Programmheft-Blättern, Hustenzuckerl-Papierdl-Rascheln, Handyläuten, fanatische Buh- und Bravo-Rufer oder den 2-Meter-Mann auf dem Vordersitz an sich vermissen würde. Wohl aber die Spannung, die Atmosphäre, die sie alle miteinander erzeugen.

Vermisste Gemeinschaft

Kunst lebt von Öffentlichkeit, lebt davon gehört und gesehen zu werden. Sie entsteht im Falle der Oper im Augenblick des Erklingens, in den Köpfen der Zuseher. Diese Öffentlichkeit ist ein Kollektiv und keine Einzelperson. Gemeinsam eine Oper zu hören, formt wildfremde Menschen für ein paar Stunden zu einer Gemeinschaft. Wie sehr der Mensch ein solch soziales und eben kein distanziertes Wesen ist, wird an einem Abend wie diesem besonders schmerzlich bewusst.

Ja, es geht im Augenblick darum, durch Distanz und Verzicht Menschenleben zu schützen. Und doch geht es um mehr. Dieser "Werther" zeigt, was wir gerade schmerzlich vermissen: Uns wieder als Teil eines größeren Ganzen zu erleben, als ein Wir, das etwas verbindet und nicht nur als Kette von einander isolierter Einzelner. Einer der schönsten Orte für dieses Miteinander, für die gemeinsam erlebte Emotion, ja der erfahrbaren Menschlichkeit ist und bleibt die Kunst. Das klingt nach Pathos. Aber wo, wenn nicht in der Oper, ist Platz dafür.

Die schönste Nachwirkung des Abends: Zu wissen, wofür das Durchhalten (auch) lohnt.