Ist Anna Netrebko nun eine Tosca oder nicht? Wie fügt sich ihr unverwechselbar dunkel schillernder, aber prinzipiell lyrischer Sopran in diese dramatische Partie? Ist Netrebkos Stimme gereift oder verbrennt die (mediale) Lust nach Debüts und neuen Rollen hier eine Stimmschönheit an nicht passendem Repertoire?

Das Wiener Publikum wird sich in der Beantwortung dieser Fragen noch etwas gedulden müssen - zumindest was das Live-Erlebnis betrifft. Denn das Debüt Anna Netrebkos als Floria Tosca an der Staatsoper am Sonntag fand ohne Publikum statt - wurde dafür aber live im Fernsehen übertragen. Vor Ort auch diesmal lediglich die Mitwirkenden sowie ein gutes Dutzend Journalistinnen und Journalisten.

Schwebende Verzierungen

Nicht nur aus der leeren Oper lässt sich sagen: Natürlich ist Anna Netrebko eine Tosca. Ihre "Vissi d’arte"-Arie, das Herzstück dieser Rolle, ist seelenvoll berührend. Wie sie es versteht, lyrische Bögen immer wieder neu zu formen, fein reduzierte Verzierungen in Zeitlupe schweben zu lassen, um sie im nächsten Augenblick von der anderen Seite zu umkreisen und zum Schluss noch einmal unverhofft zu intensivieren: Schon der Reichtum an Farben und Nuancen, der dabei entsteht, überstrahlt den ganzen (seltsam Applaus-freien) Abend.

Über alles jenseits davon lässt sich streiten. Natürlich meistert Netrebko auch die dramatischen Passagen bravourös, natürlich hat sie die souveräne Ausstrahlung, die packende Bühnenpräsenz und das differenzierte szenische Vokabular einer Tosca. Die Frage ist also weniger, ob Netrebko eine Tosca ist, als ob diese Partie die glutvolle Schönheit ihrer Stimme perfekt zu Geltung bringt. Und hier lautet die Antwort wohl eher Nein. Es gibt definitiv Partien, die ihr besser stehen, ihrem Sopran mehr schmeicheln, ihn kunstvoller zum Leuchten bringen.

Die Diva als klassische Diva: Anna Netrebko bei ihrem Wien-Debüt in Giacomo Puccinis "Tosca". - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Die Diva als klassische Diva: Anna Netrebko bei ihrem Wien-Debüt in Giacomo Puccinis "Tosca". - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Doch das ist nicht das Thema dieses dritten Advent-Sonntags: Zur idealen Tosca fehlen Anna Netrebko an diesem Abend nämlich vor allem adäquate Bühnenpartner. Ihr Ehemann Yusif Eyvazov sang seinen ersten Wiener Cavaradossi. Auch wenn er seinen absolut robusten Tenor mittlerweile etwas zu zügeln versteht, setzt er in der vokalen Rollengestaltung mehr auf raue Intensität denn auf feine Eleganz. Auch seine Palette an Stimmfarben ist gelinde gesagt überschaubar, auch wenn er sich zum tragischen Finale hin steigern - besser gesagt ein wenig mehr zurücknehmen - kann.

Auch der zweite, jedoch glücklos um Tosca buhlende Mann ist nicht auf Augenhöhe mit Netrebko: Wolfgang Koch, auch er debütierte, ist als lüsterner, tyrannischer Bösewicht wenig überzeugend. Vokal fehlt ihm die Durchschlagskraft, szenisch sowohl Präsenz als auch Abgründigkeit.

Keine Sparringpartner

Für Anna Netrebko, die sich in der Gestaltung ihrer Figuren auf der Bühne an ihren ebenbürtigen Partnern noch zu steigern versteht, also keine idealen Voraussetzungen. Letztere legte ihr dafür Dirigent Bertrand de Billy mit dem Orchester zu Füßen - zumindest, was die Sängerfreundlichkeit seiner Interpretation betrifft. De Billy dirigiert einen kompakten und eleganten Puccini, setzt zwar klare Akzente, aber auch auf kontrollierte Dramatik. Eine sehr schöne, feine Lesart der "Tosca", aber keine besonders expressive.

Tragödie auf der Bühne, Glück im Leben: Anna Netrebko (Floria Tosca) und ihr Ehemann Yusif Eyvazov (Mario Cavaradossi) an der Wiener Staatsoper. - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn
Tragödie auf der Bühne, Glück im Leben: Anna Netrebko (Floria Tosca) und ihr Ehemann Yusif Eyvazov (Mario Cavaradossi) an der Wiener Staatsoper. - © Wiener Staatsoper/Michael Pöhn

Die schon als Klassiker geltende Inszenierung von Margarethe Wallmann wird kommenden April ihren 63. Geburtstag feiern. Pensionsreif ist sie aber noch längst nicht, sie funktioniert mit ihrem klassisch historischen Ambiente und der sehr schlichten Personenregie nach wie vor tadellos.

Letzter trauriger Abstrich dieses Abends: Eine Diva ohne das Bad in der jubelnden Menge, ohne die Interaktion mit ihrem Publikum, ist um eine ihrer stärksten Kraftquellen beraubt. Ein lästiger Umstand, der sich hoffentlich demnächst erübrigt haben wird. In der Begegnung von Anna Netrebko und der Floria Tosca ist das letzte Kapitel also noch lange nicht geschrieben.