Wenn Kurator Ivan Ristić den 1918 publizierten Roman "Der zeugende Tod" von Emil Pirchan (1884- 1957) nacherzählt, der 1920 verfilmt wurde, bekommt man große Lust, diese zwischen Alfred Kubin und Gustav Meyrink anzusiedelnde Prosa gleich zu lesen.

Die Ausstellung über Pirchan, der weniger als Autor, sondern als Architekt, Designer, Gebrauchsgrafiker und Bühnenausstatter in München, Berlin, Prag und Wien tätig war, ist nach dem Folkwang Museum in Essen 2019 nun im Leopold Museum zu sehen. Für eine umfassende Publikation sorgte auch der Fund des Enkels Beat Steffan: Vor wenigen Jahren fand er am Dachboden des Elternhauses in Zürich den bislang unentdeckten Nachlass des Künstlers. Beides trägt, passend für den Schüler Otto Wagners, den Titel "Visuelle Revolution".

Als Cousin Josef Hoffmanns ist Pirchan neben diesem, Kolo Moser oder Dagobert Peche bis jetzt in Wien zu kurz gekommen, es handelt sich um die erste Retrospektive hier, obwohl er ab 1936 an der Akademie Professor für die damals neu geschaffene Meisterschule für Bühnenbildkunst und Festgestaltung berufen wurde.

Er scheute sich genauso wenig Monografien über Hans Makart und Gustav Klimt zu veröffentlichen wie er sein eigenes Landhaus mit dem neuen Baustoff Solomite (Platten aus gepresstem Stroh) im reduzierten Stil von Adolf Loos plante. Es sind nur wenige Häuser ausgeführt wie das 1912 für seinen Kollegen Viktor Oppenheimer in München, wo er ab 1908 ein Atelier eröffnete, das von Hausbau bis Kunstgewerbe und Grafik alles anbot. Sein Vater war als Schüler von Carl Rahl ein passabler Porträtist im Historismus, doch er selbst folgte nicht nur dem Aufbruch der Secession und Wiener Werkstätte in die Moderne als Einheit aller Künste, sondern er entwarf auch ein utopisch-futuristisches Theatermodell für Südamerika, das aus Fritz Langs Film "Metropolis" entsprungen scheint. Sein Bühnenbild "Zwingburg" für Ernst Krenek 1924 für die Staatsoper "Unter den Linden" bündelt gewagt Wolkenkratzer, dazu hat er mit Architekt Oppenheimer eine Registratur für das Weltwissen in Art Otto Neuraths geschaffen.

Bekannt sind weniger die an die Wiener Werkstätte, aber auch Loos erinnernden Möbelentwürfe, sondern seine Plakate für die Ausdrucks-Tänzerinnen Gertrud Leistikow oder Ruby Batteley, die um 1912 bis 1918 mit bunten Papierschnitten die Schneidetechnik von Henri Matisse vorwegnehmen. Auch Collagen und Tunkpapiere von Pirchan stehen dem reduzierten Japonismus und der Entwicklung geometrischer Abstraktion aus dem Ornament nahe, immer war der Allrounder so nahe am Zeitgeist, dass auch internationale Zeitschriften wie "The Studio" ihn 1908 als Enthusiasten der Moderne propagierten.

Spielzeug, Kinderbücher, Vasen, Stoffe, Kostüme, sogar Schmuckentwürfe kommen hinzu. Seine gewagten Bühnenentwürfe und Plakate fürs Theater führten 1919 in Berlin mit Regisseur Leopold Jessner zum Skandal, auch wenn er in Prag in den 1930er Jahren mit Dekor sparen musste, war die Terrassierung der Bühne ("Jessnersche Treppe") ein Meilenstein wie sonst nur Raumlösungen von Friedrich Kiesler. Pirchan sorgte also auch für neue Bühnenerlebnisse. Als er in Wien schließlich Professor für Bühnengestaltung wurde, hatte er bereits an vielen Städten von Berlin bis Salzburg unterrichtet.

1945 war der Universalkünstler unter den vier vom Dritten Reich unbelastet gebliebenen Professoren und konnte neben Albert Paris Gütersloh und Fritz Wotruba bis kurz vor seinem Tod weiter unterrichten.