Es ist schon eine bittere Ironie: Bogdan Roščić ist angetreten, die Wiener Staatsoper zu "öffnen". Dann muss ausgerechnet er das Haus für Monate schließen. All die Lockangebote seines Teams für ein jüngeres und breiteres Publikum - sie liegen ebenso auf Corona-Eis wie der Spielbetrieb an sich. Aber wo Not, da immerhin ein Quäntchen Trost. Der Gesetzgeber duldet zumindest Aufführungen vor leeren Reihen, und fünf dieser "Geisterspiele" nimmt der ORF dieser Tage in sein Programm. So nun auch "Das verratene Meer" von Hans Werner Henze - die erste echte Neuproduktion der Ära Roščić, die nun am Montag zur "Premiere" gelangte. Zwar hat die zeitgenössische Oper nur den Katzentisch unter den ORF-Sendeplätzen ergattert, nämlich eine Übertragung auf Ö1. Die Staatsoper hat die Premiere aber dafür am Montag zum Nulltarif weltweit gestreamt und einen Kritikertrupp zur Berichterstattung vor Ort zugelassen. Immerhin soll die Produktion nächste Saison - so Corona es gestatten - auf den realen Spielplan zurückkehren.

Mord an Katze und Seemann

Wie sehr sich die Reihen dann für "Das verratene Meer" füllen werden, bleibt abzuwarten. Nicht nur grundiert Hans Werner Henze (1926-2012) seine großen Kantilenen mit komplexen Klangbildern. Darüber hinaus hat er zu einem Autor gegriffen, der mit dem Wort "umstritten" sanft umschrieben ist. Der Japaner Mishima Yukio verstörte nicht nur mit Skandaltexten, sondern zettelte als Milizführer 1970 einen Putschversuch zur Wiedereinsetzung des Kaisers an. Resultat: Die Wahnsinnstat scheiterte, der rituelle Selbstmord danach nicht.

"Gogo no eiko", die Romanvorlage für Henzes Oper, mag hierzulande Erinnerungen an einen Michael-Haneke-Film wecken: Zwei geschundene Seelen, die Witwe Fusako und der Seemann Ryuji, laufen im Hafen der Ehe ein, doch ihr Sohn funkt dazwischen. Die Begeisterung für den Uniformträger schwindet so rasch, wie sie gekommen ist - nämlich, wenn der vermeintliche Abenteurer als Mitarbeiter in Fusakos Boutique anheuert. Verrat am Meer!, schäumt der Knabe. Es bleibt nicht beim Schmollen. Der Bub steht nachts unter der Fuchtel eines Bandenführers, der Allmachtsfantasien vom Format eines Charles Manson wälzt. Letztlich macht die Gang nicht nur einer Katze den Garaus, sondern "erlöst" auch den Seemann vom vermeintlich verpfuschten Leben.

Hätten Henze und Librettist Hans-Ulrich Treichel nicht lieber die Finger von diesem Schauerstoff lassen sollen? Dem ist engegenzuhalten: Es macht auch so mancher Opernklassiker nach moralischen Maßstäben keine bella figura. Und die Regiearbeit von Sergio Morabito und Jossi Wieler treibt den düsteren Thrill auf die Spitze. Das beginnt schon beim Einheitsbühnenbild (Anna Viebrock) zwischen Traum und Realität: Der kleine Betonkobel mit dem Mama-Bett kombiniert die Wehrhaftigkeit eines Bunkers mit der Dachform eines japanischen Tempels; die Wand daneben scheint einem Haus zu gehören, aber auch einem Schiff, wenn Wasser daraus abläuft. Dass die Jugendbande öfters die Bühne bevölkert als im Libretto vorgesehen, verstärkt den fantastischen Eindruck. Gehören diese Rabauken nun zur Wirklichkeit - oder sind sie vielleicht die herbeigeträumten Furien eines halbwüchsigen Trotzkopfs?

Ramponierte Eheleute

Zugegeben: Die Regie trägt bisweilen etwas dick auf, etwa bei einer ödipalen Bettszene zu Beginn. Dennoch fesseln die zweieinhalb Stunden mit einer Heerschar an gefühlsechten Gesten und markanten Akzenten, die nicht zuletzt auf die Ramponiertheit der beiden Erwachsenen hindeuten. Wenn die Killerbande zuletzt dem Seemann einen Schlaftrunk verabreicht, lässt sich dieser sogar freiwillig fesseln: ein Lebensmüder, der sich an Land und auf See gleichermaßen gescheitert fühlt.

Und die Klangwelt dazu? Der frühe Henze mochte bezaubern, der spätere überwältigt immerhin. Das Orchester, massiv besetzt, bildet den emotionalen Echoraum für das Kammerspiel auf der Bühne; die Musik changiert zwischen turmhohen Klangschichtungen, pulsierenden Texturen und nachromantischen Geweben: ein wogender, uferloser Sound, der das Ohr ebenso bannt wie die Meeresbrandung den Blick und von Dirigentin Simone Young lustvoll entfesselt wird.

Geisterhafte Verbeugung

Als gebeutelter Seemann bleibt Bo Skovhus dabei stimmlich nichts an Intensität schuldig und macht in intimen Szenen muskulöse Figur; Vera-Lotte Boecker (Fusako) begeistert unumschränkt mit einem bisweilen feinnervigen, bisweilen fiebrigen Gesang. Vollen Applaus hätten sich auch Josh Lovell als emotionspraller Sohn verdient und Erik van Heyningen als Bandenführer - wäre dieser Beifall zugelassen gewesen. Im Rahmen der Streaming-Aufführung blieb es letztlich bei einer stillen Verbeugungs-Choreografie, spukhaft und beklemmend wie der Opernabend selbst.