Lob sei der Staatsoper: Kein anderes Bundestheater zeigt so sehr Flagge in der Covid-Prohibitionszeit der darstellenden Kunst. Während sich Volksoper und Burgtheater in ihr Schicksal gefügt haben, hält das Sangeshaus am Ring Abende für den ORF ab - und tadelt die aktuelle Gesetzeslage auf den Neonlettern seiner Fassade bissig: "Shops offen, Oper dicht", war am Samstag zu lesen.

Nun ist jede Vorstellung besser als keine. Andererseits ist das Publikum darob nicht zu Jubel verpflichtet - und leider, der "Rosenkavalier" vom Freitag geriet auch nicht zum Ruhmesblatt. Am 27. Dezember, 20.15 Uhr, ist diese "musikalische Neueinstudierung" auf ORFIII zu begutachten; Kritiker durften bereits live beiwohnen.

Dabei krankt es vor allem am Ansatz von Musikdirektor Philippe Jordan am Pult. Sein Faible, Akzente zuzuspitzen, Tempokontraste zu schärfen, die "schönen Stellen" fast im Pianissimo zu versenken und alle paar Takte zu intervenieren, mag sich in einer Beethoven-Symphonie bezahlt machen. Bei der Opernsüffigkeit eines Richard Strauss greift dieser Schlüssel nicht. Akustischer Eindruck aus der Loge: Wo Jordan beschleunigt, hetzt er oft, wo er dämpft, gerät die Musik zur Marginalie. Tiefpunkt eines Abends, der allenfalls Solides sieht, doch weder Klangrausch noch Delikatesse, ist ein zerhackter "Rosenkavalier"-Walzer mit desorientiertem Schlagwerk. Warum nicht das Formen- und Farbenspiel dieser Musik - zulassen?

Edel-Scheusal Groissböck

Sollte Jordan seine Pläne umsetzen und tatsächlich alle "Rosenkavaliere" der nächsten Jahre leiten, wäre Günther Groissböck ein lohnender Orientierungspunkt: Der derzeit wohl weltbeste Ochs auf Lerchenau glänzt durch eine entspannte Meisterschaft. Gesegnet mit einem wienerischen Idiom, teilt er sich markant mit und beweist zur rechten Zeit Sinn für Nuancen, ohne sich komödiantische Chancen zu verbauen. Rundum respektable Kräfte: Daniela Sindram verleiht dem Octavian Quirligkeit, Martina Serafin der Marschallin (meist) mütterliche Milde und Erin Morley der Sophie Liebreiz, zudem erfreut Regine Hangler als Leitmetzerin, die sich einmal nicht das Beuschel aus dem Hals brüllt. Und dann ist da noch ein Besetzungscoup - nämlich Piotr Beczała, der in einem Akt der Tiefstapelei die Rolle des Arientenors im ersten Aufzug übernommen hat. Zumindest da blitzte er kurz auf, der sinnliche Schönklang - und weckt Vorfreude auf die ORF-Übertragung.