Es gibt einen untrüglichen Beweis dafür, wann ein Schauspieler zu einem Publikumsmagneten geworden ist: Wenn er per Vorname oder verkürztem Nachnamen angesprochen wird. Nia, alias Michael Niavarani hat diesen Gipfel erklommen. Der Wiener Schauspieler, Autor und Theaterleiter mit persischem Vater gehört zu den prägenden Gestalten des heimischen Entertainment. Der 52-Jährige betreibt drei Bühnen - das traditionsreiche Kabarett Simpl, seine künstlerische Heimat seit den 1990er Jahren, das Globe in St. Marx, wo er mit spektakulären Shakespeare-Adaption für Furore sorgte und seit diesen Sommer auch noch die Freiluftbühne "Theater im Park". Mit namhaften Kollegen wie Harald Schmidt und Otto Schenk füllte er große Theatersäle, für Film- und Fernsehproduktionen steht er regelmäßig vor der Kamera und seine Bücher werden schnell zum Verkaufshit.

Nun hat Niavarani ein neues Buch vorgelegt. "Es glaubt kein Mensch, was ein jeder Mensch glaubt, was er für ein Mensch ist" ist eine Hommage an Johann Nestroy. In dem 152-seitigen Band erfährt man Erstaunliches über Nestroy und vor allem über Niavarani. Mit der "Wiener Zeitung" sprach der Theatermacher über seine Beziehung zu dem Klassiker.

"Wiener Zeitung": In Ihrem neuen Buch ist zu lesen, Sie hätten vor der Matura wegen Nestroy die Schule geschmissen. Was verdanken Sie dem Klassiker noch?

Michael Niavarani: Dank Nestroy weiß ich, dass man nicht so eitel sein soll und nicht so traurig sein muss, wenn man beispielsweise verlassen wird, weil man sicher nicht der erste Mensch ist, dem dies widerfährt. Nestroy hält für jede Lebenslage das passende Zitat parat, wie ein lebenslanger Lebensberater. Im Wesentlichen habe ich mir von ihm aber abgeschaut, die Welt aus eigener Perspektive zu betrachten. Nestroy lesen ist eine Anleitung und Einladung zum kritischen Denken. Es kann aber auch durchaus problematisch sein, alles und jedes zu hinterfragen und anzuzweifeln.

Wie das?

Kritisches Denken gepaart mit Dummheit kann leicht in die Irre führen. Wir erleben das gegenwärtig überall: Nicht wenige Menschen zweifeln, ob es das Virus tatsächlich gibt, dass Impfen etwas Schlechtes ist.

Läutet Corona eine Zäsur ein?

Das ginge mir zu weit. Vielleicht stehen wir aber vor einer Art Weichenstellung, weil wir plötzlich bemerken, dass wir nicht alles kaufen müssen und auf unnötigen Luxus verzichten können. Zumindest für den Klimaschutz war das Virus von Vorteil - die Flugzeugwelt stand still, Menschen wechselten vom Auto aufs Fahrrad. Obwohl ich den Begriff "Klimaschutz" im Grunde nicht leiden kann: Nicht das Klima muss geschützt werden, sondern die Menschheit. Dem Klima ist es nämlich ganz egal, ob es heißer wird oder nicht, für uns Menschen geht es aber ums Überleben.

Zurück zu Nestroy. Weshalb ist eine rundum gelungene Nestroy-Inszenierung so selten wie Schnee zu Weihnachten?

Das frage ich mich auch, dabei müsste es doch ganz einfach sein: Bei Nestroy gibt es echte Menschen und gute Pointen. Zugleich herrscht gerade in Sachen Nestroy ein großes Missverständnis: Man geht automatisch davon aus, das Biedermeier sei eine spießige Zeit gewesen, weshalb viele Nestroy-Inszenierungen so harmlos wie lieblich daherkommen. Dabei dürfte es damals eher wie in der DDR zugegangen sein: Die Menschen lebten in einer Art Diktatur, waren von einem allgegenwärtigen Spitzelwesen umgeben; im Geheimen muss politisch einiges am Brodeln gewesen sein, sonst wäre es 1848 nicht zur Revolution gekommen. Schließlich datieren Nestroys Schriften aus dem 19. Jahrhundert, viele Anspielungen und die ihnen zugrunde liegenden sozialen Strukturen verstehen wir heute nicht mehr. Es ist schwer, diese Themen sinnvoll in die Gegenwart zu übertragen. Bei Shakespeare geht das leichter.

Tatsächlich? Shakespeares Texte stammen aus dem 16. Jahrhundert.

Deshalb ist es gerade einfacher, weil der zeitliche Abstand so viel größer ist. Bei Shakespeare fühlt sich alles wie in einem Renaissance-Märchen an. Es fällt leichter, sich bei Shakespeare Freiheiten herauszunehmen, seine Stücke umzuschreiben, gerade wie es mir gefällt. Bei Nestroy habe ich Skrupel.

Denken Sie ernsthaft über eine Nestroy-Aufführung nach?

Durchaus. Vielleicht machen wir kommenden Sommer im Theater im Park ein Best of Nestroy, eine Nestroy-Bearbeitung, ein Stück über ihn. Ich weiß es noch nicht, aber ich habe ja, wie jeder von uns, gerade viel Zeit, um im kommenden Lockdown darüber nachzudenken.

Warum steht die Komödie stets im Schatten der Tragödie?

Das verdanken wir einem gewissen Johann Christoph Gottsched. Der deutsche Gelehrte versuchte im 18. Jahrhundert das Theater im Sinne der Aufklärung zu reformieren und verbannte den Hanswurst geradewegs von der Bühne. Gottsched und Konsorten raubten dem Theater das Komödiantische, just das, was es bei Shakespeare noch ganz selbstverständlich hatte: den saftigen, derben, lasziven Witz. Der Hanswurst war so etwas wie der Kabarettist und Satiriker des 18. Jahrhunderts. Bis ihm der Maulkorb angelegt wurde.

Würden Sie sich als Volksschauspieler bezeichnen?

Ich bevorzuge die Berufsbezeichnung "Komiker". Ich mag das Wort, obwohl es in Wien eher als Beleidigung verstanden wird: "Was bist denn du für ein Komiker?" Was sagt uns das über den Wiener Humor?

Komiker haben bekanntlich häufig mit Depressionen zu kämpfen - siehe Robin Williams. Wie ist es um Ihr Wohlbefinden bestellt?

Warten Sie, ich muss eben noch den Strick weglegen! Der traurige Clown? Ein Klischee. Depressionen machen vor keiner Berufsgruppe halt. Bei Komödianten fällt es vielleicht aber mehr auf, weil von ihnen erwartet wird, dass sie vor Lebensfreude sprühen und ständig herumblödeln. Verhält sich ein Komödiant einmal ganz "normal", wirkt es schon, als würde er sich gleich erschießen wollen. Das hat viel mit Erwartungshaltungen zu tun. Das ist vielleicht vergleichbar mit der Enttäuschung, die man empfindet, wenn ein guter Arzt plötzlich selbst erkrankt.

Sie haben einen persischen Vater und eine österreichische Mutter. Wie wichtig ist für Sie die persische Kultur?

Sie ist für mich genauso selbstverständlich wie die österreichische. Ich bin in beiden Kulturen aufgewachsen, ich mache zwischen Orient und Okzident keinen großen Unterschied, die Grenzen verschwimmen. Häufig existieren kulturspezifische Merkmale ohnehin nur an der Oberfläche: Der Unterschied zwischen einer Leberkässemmel und einem Döner ist im Grunde minimal: in beiden Fällen handelt es sich um Brot, Fleisch, Brot.