Eine besondere Begeisterung für Online-Performances zeigte Bettina Kogler, die Chefin des Tanzquartiers Wien, schon im Mai letzten Jahres nicht, als die Corona-Verordnungen für Kunst und Kultur gerade einmal zwei Monate alt waren. Im Interview mit der "Wiener Zeitung" meinte sie, dass Performances nicht eins zu eins ins Netz übertragen werden können, weil sie auf einem Gemeinschaftserlebnis beruhen, das wirklich live sein müsste. "Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie hart es sein kann, Performances auf Video anzusehen - das muss ich tagtäglich machen", fügte sie hinzu. Jedoch nach längerer coronabedingter Schließung zeigt nun das Tanzquartier Onlineversionen jener Stücke heimischer Tanzschaffenden, die im Jänner eigentlich live uraufgeführt werden sollten. Diese Videos werden kostenlos 72 Stunden auf  tqw.at abrufbar sein.

Der heimische Performer Michael Turinsky in "Precarious Moves". Michael Loizenbauer - © Michael Loizenbauer
Der heimische Performer Michael Turinsky in "Precarious Moves". Michael Loizenbauer - © Michael Loizenbauer

Beginnend mit Freitag, 8. Jänner, startet der heimische Choreograf, Performer und Theoretiker Michael Turinsky die Video-on-Demand-Reihe. In seinem neuen Solo "Precarious Moves" geht er Fragen der Mobilität, der Mobilisierung und des Widerstands in Bezug auf persönliche und auch kollektive Bedürfnisse und Notwendigkeiten nach. Turinsky setzt darin seine Untersuchungen choreografischer Gesten im Entwerfen handlungspolitischer Ästhetiken fort. Am Sonntag, 9. Jänner, findet um 20 Uhr ein Gespräch mit Turinsky im Rahmen der Reihe "Artist Talk" auf Zoom statt (Anmeldungen unter tqw.at/event/artist-talk-turinsky-asentic).

Atmosphärischer Pate

Die Corona-Krise ist auch Ausgangspunkt für neue Performance-Arbeiten wie etwa jene des Choreografen Elio Gervasi und der Künstler David Altweger und Mira Loew. Sie verweben in "On Abeyance" audiovisuelles und dokumentarisches Material, das gemeinsam mit insgesamt zwölf Tänzerinnen und Tänzern aus mehreren Ländern während des Lockdowns und der künstlerischen Isolation im Frühjahr 2020 entstand. Noch stehen die Künstler vor technischen Herausforderungen, da eine Mehrkanalvideoinstallation versucht wird. Am Samstag, 16. Jänner, ist die Uraufführung unter tqw.at/event/on-abeyance-gervasi-altweger-loew 72 Stunden abrufbar.

In einem Raum aus Bildern und Worten, Bewegungen und Klängen: "On Abeyance" von Elio Gervasi, David Altweger und Mira Loew - © Mira Loew/David Altweger
In einem Raum aus Bildern und Worten, Bewegungen und Klängen: "On Abeyance" von Elio Gervasi, David Altweger und Mira Loew - © Mira Loew/David Altweger

Cineast Chris Haring hat für die neue Produktion seines Ensembles Liquid Loft, das übrigens erst kürzlich 15-Jahr-Jubiläum feierte, einen Independent-Filmtitel von Kultregisseur Jim Jarmusch aus dem Jahr 1984 gewählt: "Stranger than Paradise" wird am Donnerstag, den 28. Jänner online gehen. "Der Titel der Produktion ist dem Road-Movie entliehen, der nicht ästhetisch oder narrativ, nur atmosphärisch Pate stand", heißt es im Programm. "Wir haben nachgedacht über die einsamen Figuren, es gibt diesen Lockdown . . . und irgendwie muss man das verarbeiten, denn ich glaube nicht, dass man sich als Künstler dem entziehen kann. Wir sind dafür da, etwas daraus zu machen - nicht politisch oder materiell, sondern emotional", sagt Haring dazu vorab zu "Wiener Zeitung".