"Ist es wie Tonic ohne Gin, oder wie Frühstück ohne Kaffee, wenn körperliche Behinderung im Grunde genommen Widerstand gegen Mobilisierung ist, es aber in einer Choreografie darum geht, Bewegung zu organisieren, zu mobilisieren?" Eine der unzähligen philosophischen Fragen, die der Wiener Performer, Choreograf und Philosoph Michael Turinsky in seinem jüngsten Stück dem Publikum stellt. Antworten gibt es keine, auch keine Zwischenlacher wie sie so zahlreich bei Turinsky passieren. Denn die Premiere von "Precarious Moves" fand per Video-on-Demand auf der Homepage des Tanzquartiers statt. Immerhin fand sie statt. In Corona-Zeiten wird man als Zuseher sehr bescheiden.

Das Papierschiffchen im Roséwein-See. - © Michael Loizenbauer
Das Papierschiffchen im Roséwein-See. - © Michael Loizenbauer

Auf weißem Bühnenboden mit einer weißen Stoffleinwand im Hintergrund – der darauf projizierte Stücktext ist aufgrund der Kameraeinstellungen eher selten zu lesen – schiebt Turinsky einen Getränkewagen vor seinem Rollstuhl auf die Bühne, positioniert diesen. Auf der gegenüberliegenden Seite legt er ein Blatt Papier auf den Boden, das später im Stück ein gefaltetes Schiffchen werden sollte – vorgesehen war dafür eigentlich Hilfe aus dem Publikum. Nun, Turinsky findet auch hier eine charmante Lösung.

Dazwischen hält er einen Monolog darüber, dass er einen Liebesbrief an den Kommunismus schreiben wollte, wendet sich dann dem Sozialismus zu und kommt schließlich zu der Entscheidung, dass er besser seinen Fokus auf Behinderung und Choreografie richten sollte. Denn das sei einfacher, oder? Natürlich gibt es auch auf diese Frage keine Antwort aus dem Publikum. Währenddessen baut er eine Achterschleife mit den Gleisen einer Holzeisenbahn und demonstriert, dass Mobilität eine Frage der persönlichen Bedürfnisse ist und keine allgemeingültige Definition zulässt.

Das Fenster zur Realität

Dann wird die weiße Bühne rot. Rot und schnittig ist auch das Spielzeugauto, mit dem Turinsky dann singend zu wummernden Beats über die Bühne fährt. Langsam, später rasant. "Ich falle, ich lenke, ich fühle, . . . mein Leben, ich bin ein Mann, ich kann." Es ist fast ein trotziger Überzeugungsruf: "I can!" Und wie er kann!

Schließlich rutscht er auf der nun grün beleuchteten Bühne rückwärts auf den Knien zur Mitte, sanft schwingt und kreist sein Oberkörper zu der Klangkulisse. Er streckt ausgiebig seine Glieder am Boden liegend. Ruhe kehrt ein, er steht auf und geht zu seinem Rollstuhl. Er kann!
Und dann das Fenster zur Welt, eine Projektion der Realität von draußen, die Turinsky kurzzeitig hat vergessen lassen, aufgrund einer Bühnenpräsenz und Begeisterungskraft, die selbst der Bildschirm nicht mindert. Wie gerne möchte man den eigenen Applaus dem Künstler zu Ohr kommen lassen.