Spätestens seit diesem Winter können Kulturveranstalter die Leiden des Sisyphos nachfühlen. Mehr als einmal stellte die Regierung den Bühnen eine Öffnung in Aussicht, wälzten die Intendanten daraufhin Pläne, mussten diese aber wieder verwerfen. Noch unlängst hieß es, die Häuser dürften ab 18. Jänner wieder spielen - unter der Prämisse, dass die Termine nachmittags stattfinden (wegen der abendlichen Ausgangssperren) und das Publikum einen negativen Corona-Befund mitbringt. Dieses "Freitesten" stieß dann aber auf so breite Kritik, dass die Opposition die Pläne zu Fall brachte und der allgemeine Lockdown (vorerst) bis 24. Jänner andauert.

Hoffnung und Skepsis

Nächster Anlauf ist nun das sogenannte "Eintrittstesten" oder "Reintesten". Am Donnerstag will die Regierung ein entsprechendes Gesetz beschließen. Einige Details sind noch offen, der Plan bedeutet für Kulturfreunde aber grosso modo wohl: Sobald der aktuelle Lockdown endet, dürfen Veranstaltungen mit mehr als 20 Personen nur unter Vorweis eines negativen Corona-Tests, nicht älter als 48 Stunden, besucht werden. Dafür kann das Publikum auf die Test-Angebote der Bundesländer zurückgreifen; der Gesetzesentwurf sieht aber auch die Option vor, dass Veranstalter selbst als Virusprüfer in Erscheinung treten; die Regierung würde ihnen dafür die nötigen Materialien kostenlos zur Verfügung stellen. Das "Reintesten" soll freilich nicht nur die Kultur, sondern etliche Bereiche des öffentlichen Lebens umfassen, darunter die Hotelerie und - womöglich - die Gastronomie.

Die Kulturszene harrt zwar hoffnungsfroh eines Neustarts, hegt aber auch Skepsis gegenüber den Plänen. Am Dienstag, 16 Uhr, trafen die Leiter führender Häuser mit Kulturminister Werner Kogler und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer zu einer Videokonferenz zusammen. Matthias Naske, Intendant des Wiener Konzerthauses, fasst die Interessen der Branche mit dem Satz zusammen, dass man keine Schlechterstellung gegenüber der Gastronomie akzeptieren werde - und pocht auf die Bewährtheit der bisherigen Präventionskonzepte im Kulturbetrieb. Was wird Naske tun, wenn seine Forderungen auf taube Ohren stoßen? Diplomatische Antwort: "Wenn die anderen spielen, werden wir es auch machen. Wir wünschen uns aber vernünftige Bedingungen." Naske empfindet Tests derzeit als "Gebot der Vernunft", das geplante Gesetz könnte aber zur Barriere werden für eine Branche mit schwacher Lobby.

Ähnlich kritische Töne schlug jüngst der Pop-Veranstalter Ewald Tatar an. Der Chef von Barracuda Music ist bereit, "Maßnahmen mitzutragen", doch es stört ihn, dass Veranstalter als Virus-Checker auftreten sollen. Tatar gibt zu bedenken, dass Tests vor Ort nur für "einen sehr überschaubaren Besucherrahmen" und mit geschultem Person denkbar seien, und befürchtet Regelungen, "die wieder nicht zu Ende gedacht sind und deren Chaospotenzial dann auf unserem Rücken ausgetragen wird".

Im Theater an der Wien dürfte es angesichts beengter Raumverhältnisse wohl nicht zu Tests in Eigenregie kommen. Das Haus sieht einer Wiedereröffnung dennoch freudig entgegen. Falls der Lockdown tatsächlich am übernächsten Sonntag endet, soll am 26. Jänner die (für Monatsmitte avisierte) Premiere von "Thais" nachgeholt werden, gefolgt von zwei Wiederholungsterminen am 28. und 30. des Monats. Schon am 25. Jänner würde außerdem die Oper "Cajo Fabricio" mit Max Emanuel Cenčić konzertant zur Aufführung gelangen, am 29. Jänner eine "Winterreise" mit Florian Boesch.

Und die Staatsoper? Will sich derzeit nicht äußern, heißt es aus der Pressestelle mit Verweis auf die Unwägbarkeiten. Klar ist nur, dass das Haus seine Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus dem Dezember fortsetzt: Nach sechs Vorführungen vor leeren Reihen für das ORF-Publikum wird demnächst eine "Nabucco"-Wiedergabe mit Plácido Domingo übertragen (Sendetermin: 24. Jänner, ORF III).

Keine Perspektive

"Die Schwierigkeit der aktuellen Situation liegt für uns im Hin und Her der politischen Entscheidungen", sagt Martin Kušej gegenüber der "Wiener Zeitung". Der Burgtheater-Intendant verweist auch auf die hohen Zusatzkosten, die notgedrungen durch das ständige Umwerfen der Pläne entstehen. "Sollte eine Öffnung ab dem 29. Jänner möglich sein, werden wir für das letzte Jänner-Wochenende die disponierten Vorstellungen zeigen können", so Kušej, widrigenfalls müsste alles wieder einmal komplett neu überarbeitet werden. Kušej abschließend: "Solange die Entscheidungen so wenig belastbar und die Rahmenbedingungen für den Theaterbesuch für unser Publikum so unklar sind, entsteht neben den Kosten nur weiter Verunsicherung, die Bereitschaft für einen Besuch nach Wiedereröffnung droht zu sinken und die Nachvollziehbarkeit für die unterschiedlichen Maßnahmen leider ebenso."

Christian Kircher, Chef der Bundestheater-Holding, wahrt Contenance und stellt gegenüber der "Wiener Zeitung" nüchtern fest, dass die Spielpläne durch die "Pandemie obsolet und nicht mehr realisierbar" seien. Als Alternative zum Vollbetrieb werde für Jänner und Februar ein adaptierter Spielplan für die Wochenenden erarbeitet. Kircher: "Weitere Schritte einer möglichen Öffnung sind noch nicht bekannt, es wird daher auch für Veranstalter eine Form der ‚neuen Normalität‘ bleiben, in Alternativen zu planen."

"Neue Normalität" herrscht auch an den anderen Wiener Großbühnen: In der Josefstadt wurde der Kartenverkauf bis Ende Jänner gestoppt. Kay Voges, der neue Intendant des Volkstheaters, musste die Wiedereröffnung der Bühne von Woche zu Woche verschieben. Aktuelles Eröffnungsdatum: Freitag, 29. Jänner, 15 Uhr. Ob’s hält?