Wollte man all die Rollen seines Bühnenlebens würdigen, der vorhandene Artikel würde kaum dazu ausreichen. Plácido Domingo hat so viel Repertoire geschultert, dass der Gedanke naheliegt, der Spanier habe damit unmittelbar nach dem 21. Jänner 1941, dem Geburtsdatum in seinem Lebenslauf, begonnen. Rund 150 Partien umfasst dieser Katalog, er reicht vom Barock eines Georg Friedrich Händels bis zur Postromantik eines Gian Carlo Menotti, zollt der Wiener Klassik ebenso Respekt wie den Heldenrollen eines Richard Wagner und findet im Werk Giuseppe Verdis eine gefühlspralle Heimat.

Mit Verdi feiert Domingo nun auch seinen 80. Geburtstag: Am Freitag, einen Tag nach seinem Wiegenfest, singt der Spanier an der Wiener Staatsoper die Titelrolle in "Nabucco". Auf üppigen Jubel - überliefert ist ein Rekord von 80 Applausminuten und rund 100 Vorhängen - muss er diesmal zwar verzichten, da im Lockdown kein Publikum gestattet ist. Doch die Zuschauer sind ihm sicher: Die Plácido-Aficionados bekommen am Sonntag, 20.15 Uhr, eine TV-Aufzeichnung auf ORF III geboten.

Durchbruch in den USA

Mit dem Fernsehen ist Domingo übrigens schon seit langer Zeit vertraut: Bereits als Kind trat er in einer mexikanischen TV-Show auf, bewährte sich auch in kleinen Bühnenrollen und als Klavierbegleiter in einer Bar. Diese Frühreife hatte nicht nur mit Talent zu tun, sondern auch damit, dass sich diese Anlagen auf einem fruchtbaren Boden entfalten konnte: Domingos Eltern arbeiteten als Sänger im Genre der Zarzuela, dem spanischen Pendant der Operette. 1946 wanderte die Familie nach Mexiko-City aus, gründete dort ihre eigene Zarzuela-Kompanie und ließ den jungen Plácido in hohen Bariton-Rollen mitsingen.

Auch Domingos Opernkarriere beginnt früh - schon 1959 in Mexiko, wo er auch seine Frau Marta kennenlernt. Der Ruhm lässt aber noch einige Zeit auf sich warten. Der Tenor lässt sich für zwei Jahre nach Tel Aviv engagieren, dann stellt sich der Durchbruch in den USA ein: Ab 1965 macht Domingoan der New York City Opera Furore, unter anderem als Einspringer in einer "Madama Butterfly" und in Ginasteras "Don Rodrigo". Damit ebnet er sich den Weg zu den führenden Häusern: Im Folgejahr nimmt Domingo die Alte Welt im Sturm und legt den Grundstein für eine epische Karriere.

Seine Domäne ist dabei nicht so sehr der Spitzenton, den Kollegen gern triumphal aushalten. Der hochgewachsene Spanier durchwirkt dafür wie kaum ein Tenor Schönklang mit Dringlichkeit, verleiht Legato-Bögen eine glühende Innenspannung. Es kommt nicht von ungefähr, dass der inbrünstige Otello zu seiner Paraderolle avanciert. In den 90er Jahren sprengt Domingos Popularität die Grenze der Opernhäuser: Die glamouröse Arbeitsgemeinschaft mit Luciano Pavarotti und José Carreras, genannt "Die drei Tenöre", füllt ganze Fußballstadien. In der Branche nicht unumstritten, sind diese Spektakel für den Bühnenmenschen Domingo nur eine andere Form, seine Passion auszuleben. Auch Genregrenzen kümmern ihn nicht, wie seine Crossover-CDs belegen. Als das Alter seine Stimme absenkt, wechselt er kurzerhand ins Baritonfach. Nichts scheint Domingo aufhalten zu können.

"Horrorjahr" 2020

Auch das "Horrorjahr" 2020 nicht, wie er es nennt. Domingo erleidet nicht nur eine Covid-19-Infektion, er gerät auch in die Mühlräder der MeToo-Bewegung. 20 Frauen, fast durchwegs anonym, erheben Vorwürfe des sexuellen Fehlverhaltens, die teils Jahrzehnte zurückreichen; die Rede ist von unerwünschten Flirts, auch Stalking. Nichts davon wird vor Gericht entschieden. Zwei Untersuchungen in Übersee - wo Domingo die Opernhäuser von Washington und L. A. leitete - halten die Vorwürfe aber für glaubhaft, was Domingos US-Karriere beendet. Auch das Heimatland Spanien schlägt ihm im Jahr 2020 die Tür vor der Nase zu.

Doch auch diese Krise zwingt den Jahrhundertsänger nicht in die Pension. Jedenfalls sind nach dem aktuellen Wien-Abend Termine in Moskau, Paris und Baden-Baden geplant. Und Domingo denkt schon an die fernere Zukunft: "Ich habe in der Musik noch viele Träume zu verwirklichen", verrät der Bühnen-Nimmersatt in einem Interview: "Rollen, die ich sowohl in der Oper als auch in der Zarzuela erstmals spielen möchte."