Zeitgemäße Bilder für zeitlose Opernstoffe zu finden, gehört zum Spezialgebiet von Peter Konwitschny. Immer wieder gelingt es dem Regisseur, vor Jahrhunderten zur Oper erhöhte Dramen menschlichen Liebens und Leidens in ein heutiges Gewand zu kleiden, mit seinen Analogien zu überraschen, ja mitunter zu provozieren. Auch in seiner jüngsten Regiearbeit, Jules Massenets "Thaïs", gelingt ihm diese Übersetzungsarbeit - zumindest teilweise. Die Premiere im Theater an der Wien fand am Mittwoch vorerst nur vor Kameras und Mikrofonen statt - und einer Handvoll Medienvertreter, die das frisch beschlossene Konzept des Reintestens testen durften.

Nicht erst in Konwitschnys Lesart passt "Thaïs" in unsere Zeit, handelt die Oper doch von der Hure, die zur Heiligen wird, sich von einem Leben auf der Oberfläche des Exzesses und der irdischen Freuden abwendet und sich einer Reduktion hingibt, der Liebe zu Gott, zur Ewigkeit des Universums. Und sie handelt auch vom entgegengesetzten Weg: vom für die weltlichen Begierden blind gewordenen Eremiten, der seine eigene Starrheit durchbricht und die irdische Liebe wieder findet. Eine Versöhnung der Extreme also, ein Weg aus der Polarisierung.

Glitzer, aber kein Kitsch: in den kontrastreichen Kostümen von Johannes Leiacker. - © Werner Kmetitsch
Glitzer, aber kein Kitsch: in den kontrastreichen Kostümen von Johannes Leiacker. - © Werner Kmetitsch

Leidenschaftlich aneinander vorbei geliebt

Dass die beiden Protagonisten, die Kurtisane Thaïs (flexibel, kultiviert und doch dramatisch lodernd: Nicole Chevalier) und der Einsiedlermönch Athanaël (sonor und überzeugend leidend: Josef Wagner) sich auf ihren entgegengesetzten Wegen zwar begegnen, einander aber nie finden können, liegt auf der Hand. Beide lieben sie leidenschaftlich - jedoch tragisch aneinander vorbei.

Askese trifft auf Ekstase: Carolina Lippo (Crobyle) und Sofia Vinnik (Myrtale) umgarnen Josef Wagner (Athanaël). Roberto Sacca (Nicias) erfreut’s. - © Werner Kmetitsch
Askese trifft auf Ekstase: Carolina Lippo (Crobyle) und Sofia Vinnik (Myrtale) umgarnen Josef Wagner (Athanaël). Roberto Sacca (Nicias) erfreut’s. - © Werner Kmetitsch

Dieses doppelt einsame Liebesdrama legt Peter Konwitschny eindrucksvoll frei in der auf 1 Stunde 45 Minuten deutlich gestrafften Fassung und auf der leeren Bühne von Johannes Leiacker. Dabei gelingen starke Bilder. Die sich abschminkende Kurtisane etwa, die sich einsam der Angst vor dem Alter stellt und der die Aussicht auf ewiges Leben neuen Mut gibt - auch wenn es sich um eine spirituelle Ewigkeit handelt. Oder im Finale, wenn sich für Thaïs und Athanaël in der Wüste der Moment der Wahrheit auftut, als der Augenblick, in dem sie jeweils den Irrtum ihres Lebens erkennen. Das bringt sie der Wahrhaftigen näher, entfernt sie jedoch im Tod für immer von einander. Das sind Szenen, die bleiben.

Hilft Thaïs mit seinen Pfeilen beim Verführen: der Punk-Amor (Samuel Wegleitner) unter der Gold-Glitzerdusche. - © Werner Kmetitsch
Hilft Thaïs mit seinen Pfeilen beim Verführen: der Punk-Amor (Samuel Wegleitner) unter der Gold-Glitzerdusche. - © Werner Kmetitsch

Was dem Regisseur darüber hinaus eingefallen ist, dass der Eremit einen bubenhaften Punk-Amor erschießt, um vermeintlich sein eigenes Begehren zu zügeln; dass er Thaïs sexuell Gewalt antut, bevor er sie rettet; dass diese wiederum kokst und im Glitzeroutfit bei einem Interview auf einen Kameramann losgeht; dass alle Figuren bis zur "Meditation" rätselhafte Flügel tragen, die sie dann anscheinend auf dem Weg vom blinden Kult zum Menschsein verlieren: Manchen dieser Einfälle würde man nicht vermissen. Aufreger sind solche Stilmittel längst keine mehr.

Der Moment der Wahrheit in der Wüste: Nicole Chevalier als Thaïs und Josef Wagner als Athanaël. - © Werner Kmetitsch
Der Moment der Wahrheit in der Wüste: Nicole Chevalier als Thaïs und Josef Wagner als Athanaël. - © Werner Kmetitsch

Musikalisch ist die Produktion bei Leo Hussain und dem Radio-Symphonieorchester Wien bestens aufgehoben. Auch hier lautet die Devise wie bei den Kostümen: Glitzer ja, Kitsch nein. Die Straffungen verleihen der Partitur Charakter, Hussain bemüht sich um fein gestaltete Dynamik und webt einen Sänger-freundlichen Massenet, der trotz des nötigen Sentiments durchaus Ecken und Kanten aufzuweisen hat. Und das RSO blickt mit der Neugierde der Gegenwart auf das Stück anstatt mit dem Ballast der Tradition.

Die Oper, sie lebt auch im Lockdown, zeigt diese intensive Produktion - wenn auch vorübergehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie ist bereit, wenn sich die Türen wieder öffnen. Ob "Thaïs" nur in Radio, TV und auf DVD zu sehen sein wird oder doch noch live, das werden die kommenden Wochen zeigen.