Auf den Bühnen des Landes ist es still, umso mehr zu tun haben die Gestalter der Websites. Denn Künstler und Häuser kommen kaum nach mit dem Löschen von Terminen, die durch die erneute Lockdown-Verlängerung obsolet geworden sind. Oder die aus jetziger Sicht zwar vielleicht möglich wären, aber sicherheitshalber doch nicht mehr eingeplant werden. Frühjahrsfestivals fallen heuer zum zweiten Mal aus. Selbst Sommerproduktionen werden teilweise heuer mangels valider Planbarkeit ein zweites Mal ausgesetzt. "Es gehen jetzt schon Gerüchte um, dass die Theater erst nach dem Sommer wieder aufsperren dürfen", erzählt Schauspieler Reinhard Nowak im Zuge eines Rundrufs der "Wiener Zeitung" unter Künstlern, Intendanten und Agenten.

Aber selbst wenn es doch früher erlaubt werden sollte, hält es etwa Gerhard Werdeker, Leiter des Theaters Spielraum in der Wiener Kaiserstraße, für sein Haus mit En-Suite-Betrieb und einzelnen Stückensembles "in der derzeitigen Situation und bei unbekannter Dauer des Veranstaltungsverbots nicht für sinnvoll, bis zum Sommer weitere Projekte vorzubereiten oder gar zu proben (was wir ja dürften)". Drei Eigenproduktionen sind bei ihm seit Herbst in der Warteschleife. Dank aufrechter Förderungen der Stadt Wien ist immerhin die Existenz seines Theaters gesichert.

"Als Veranstalter, die wir auch sind, stehen wir mit dem Rücken zur Wand", sagt Schauspielerin und Regisseurin Gabriela Benesch. "Einerseits gibt es viele Vorstellungen, für die wir bereits im März 2020 Tickets verkauft haben, die wir aber nicht nachholen können, da wir nicht spielen dürfen. Andererseits gibt es neue Termine im Jahr 2021, für die wir derzeit keine Tickets verkaufen können und die wir daher auch verschieben müssen."

"Ich habe ja nichts anderes gelernt"

Während die Bühnen ihre Angestellten wenigstens in Kurzarbeit schicken oder beim AMS anmelden können, ist beides für die vielen freischaffenden Künstler keine Option. "Ich kann ja nicht einmal in Krankenstand gehen", sagt Nowak. "Ich habe das Glück, dass ich vom Härtefallfonds etwas bekomme, das geht sich irgendwie aus. Aber die SVS und die Steuer werden jetzt bald anklopfen, und ich weiß noch nicht, wovon ich es bezahlen werde." Wie sieht es mit alternativen Einnahmequellen aus? "Ich habe nichts anderes gelernt, ich wüsste ja nicht, was ich sonst für einen Beruf ausüben könnte." Und so schreibt er jetzt ein Kabarettprogramm, ist aber eigentlich "sehr wenig motiviert", weil er nicht weiß, ob die Premiere am 12. April wirklich stattfinden wird. "Es ist alles so unsicher und frustrierend, man ist so hilflos", fasst Nowak das Gefühl einer ganzen Branche zusammen.

Schauspielerin Andrea Schramek weiß "von vielen Kollegen, die derzeit wirklich sehr verzweifelt sind, weil die ganze Branche, ein ganzes Berufsleben plötzlich in Frage gestellt ist und man selbst kaum etwas tun kann, außer sich und seine Kunst gratis ins Netz zu stellen". Und Carmen Wagner, Schauspielerin, Malerin und Leiterin der freien Theatergruppe Die Theaterküche, stellt fest: "Weder in der bildenden noch in der darstellenden Szene gibt es derzeit irgendeine Möglichkeit, Geld zu verdienen, von der man auch leben kann. Und mit Leben meine ich nicht Shoppen oder Urlaub, sondern die Grundbedürfnisse: Essen, Trinken, Miete . . . Eine Kollegin von mir ist alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Sie ist schlichtweg verzweifelt. Alleine die Miete übersteigt ihre derzeitigen Einnahmen."

Fragwürdige Berechnung der Hilfsgelder

Obwohl 15.000 Euro, die sie privat für geplante Produktionen vorgestreckt hat, "im schwarzen Corona-Loch verschwunden sind", versucht Wagner mit Hubsi Kramar eine neue Theaterproduktion aufzustellen, um Kollegen unter die Arme zu greifen. Wobei sie klarstellt: "Es braucht im Normalfall rund ein Jahr, bis eine professionelle Bühnenaufführung Premierenreif ist. Unter den gegebenen Umständen ist das lachhaft."

Die Berechnung der Corona-Hilfen findet sie fragwürdig: "Es werden nicht die Ausgaben zu den gecancelten Produktionen ersetzt, sondern Vergleiche mit Zeiträumen im Jahr davor. Aber Kunstarbeiter verdienen nicht gleichmäßig, wir haben unser Einkommen projektbezogen. Die einzige faire Variante wäre gewesen, uns unsere Ausgaben 1:1 abzugelten. Und danach eine monatliche Unterstützung für die Zeiten ohne Einkommen, die Corona-bedingt sind – so aber ziehen sich die damals aufgebauten Finanzlöcher wie ein schimmliger Strudelteig bis heute." Florian Roehlich vom Kabarettduo Flo und Wisch, den selbst noch keine Existenzängste plagen, ergänzt: "Ich fürchte, bei denen, die es am meisten brauchen, greift es wie immer am wenigsten."

Dass es gerade im Bereich der freischaffenden Künstler viele gibt, deren Einkommen unregelmäßig ist, oder die nicht genug Einkommen für eine Pflichtversicherung haben, ist Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer bewusst. "Genau deshalb gibt es ja allein für Einzelkünstlerinnen und -künstler mittlerweile drei verschiedene Möglichkeiten der Unterstützung: den Härtefallfonds der Wirtschaftskammer, die Überbrückungsfinanzierung bei der SVS und den Covid-19-Fonds des Künstlersozialversicherungsfonds. Aber jeder dieser Töpfe ist für andere Situationen der geeignete." Sie kenne bisher keinen einzigen Fall, der nicht in einem dieser Töpfe Geld bekommen habe. "Auch im internationalen Vergleich können sich diese Unterstützungsmöglichkeiten absolut sehen lassen."

Zusammenschluss hat sich bewährt

Die Stadt Wien hat die zehn Wiener Kabarettbühnen, die ständig bespielt werden und sich zusammengeschlossen haben, bereits im Frühsommer mit einer einmaligen Kulturförderung unterstützt. "Das war damals extrem wichtig", sagt Georg Hoanzl, der mit Michael Niavarani das Globe Wien führt. "Diese prekäre Situation, die wir damals hatten, wäre ohne diese Unterstützung gar nicht zu schaffen gewesen. Andernfalls hätte der Spielbetrieb, so notdürftig er war, gar nicht aufgenommen werden hätte können. Grundsätzlich wollen wir aber wieder zu einer Eigenständigkeit ohne Subventionen zurückkehren." Der Zusammenschluss als Vereinigte Kabarettbühnen Wien hat sich jedenfalls bewährt: "In dieser schwierigen Zeit ist allein schon der Informationsaustausch viel wert. Wir haben ja seit fast einem Jahr alle die gleichen Probleme."

Über die Betroffenen der Krise im Kulturbereich sagt Hoanzl: "Wir haben Bühnenbetreiber, Künstler, Agenten und Techniker – die sind alle Unternehmer, deren Einnahmen wiederum in viele Ausgaben fließen, wo ihnen selbst am Ende nicht viel bleibt. An jedem Kreativen, der bei uns auf der Bühne steht, hängen im Durchschnitt 30 Arbeitsplätze – die normalerweise nicht subventioniert sind. In den nächsten eineinhalb Jahren ist die Frage, wie wir wieder dorthin kommen." Die Gleichbehandlung von Künstlern und Technikern bei den Corona-Hilfen findet er grundsätzlich gut. Er hält auch den Weg in Europa, zu schauen, dass sich Firmen und Private nicht in der Corona-Krise verschulden, für den besten. Denn der Wiederaufbau werde wieder aktive Unternehmen – auch Ein-Personen-Unternehmen – brauchen.

"Der Härtefallfonds deckt nicht einmal den Tour-Van ab"

Künstleragent Dietmar Haslinger, seit 1995 mit Weltmusik international aktiv, hat seit März 2020 so gut wie kein Einkommen – Agenturen werden erst bezahlt, wenn ein Termin stattgefunden hat – und rechnet vor: "Die Zuwendungen aus dem Härtefallfonds schwanken zwischen 500 und 700 Euro – damit kann ich nicht einmal das Monatsleasing für meinen Tour-Van abdecken!" Umsatzersatz bekommt er keinen, weil seine Künstleragentur "laut den der Finanzverwaltung vorliegenden Daten nicht in einer von den verordneten Einschränkungen der Covid-19-Schutzmaßnahmen- beziehungsweise Notmaßnahmenverordnungen direkt betroffenen Branche tätig ist".

Schauspielerin, Autorin und Intendantin Elisabeth-Joe Harriet ist "verschuldet und pleite". Der Hilfsfond der Wirtschaftskammer reicht nicht zum Überleben aus, und "vom beantragten Umsatzersatz für November, geschweige denn Dezember, habe ich noch nichts gesehen". Das ständige Verschieben, Neuplanen, Nicht-Wissen, wie und wann es weitergehen kann, bringe immer mehr Hoffnungslosigkeit, sagt sie. "Das Nicht-Spielen-Können und zur totalen Untätigkeit verdammt zu sein, ließ mich zum ersten Mal in meinem Leben spüren, was es bedeutet, depressiv zu sein. Dies macht es oft unmöglich, die viele Zeit mit Kreativität auszufüllen. Kreativität benötigt aber auch Hoffnung auf Umsetzung."

Sissy Boran musste sich für ihre Komödie am Kai Geld von Freunden leihen, um über die Runden zu kommen. "Von der Bank hätten wir gar nichts bekommen." Für den größten Teil der beantragten Corona-Hilfen seit November hatte sie vor einer Woche noch nicht einmal eine Zu- oder Absage - erst diesen Donnerstag ist die erlösende Meldung gekommen, dass sie Hilfe vom Staat bekommt. Allein im November haben 35.000 Euro gefehlt, die sonst durch Karten hereingekommen wären. Die Miete wurde ihr halbiert, ansonsten hat Boran aber keine Stundungen in Anspruch genommen: "Das Geld müsste ich ja trotzdem irgendwann zurückzahlen." Die Komödie am Kai erhält sich im Gegensatz zu den meisten anderen Wiener Theatern normalerweise fast gänzlich aus eigener Kraft, sagt sie: "Wir bekommen nur 5 Prozent Subventionen von der MA 7." Ihren Spielplan hat Boran seit der Pandemie zehnmal geändert. Momentan plant sie mit einem Spielbetrieb ab Ostern. "Vorher dürfte es keinen Sinn haben." Dass sie finanziell bis dahin durchhält, kann sie aber nur hoffen. Nach vier Jahrzehnten will sie trotzdem nicht ans Aufgeben denken, auch wenn sie "schlaflose Nächte" hat. "Aber ich kann mir ein Leben ohne das Theater nicht vorstellen, nachdem ich so viel dafür geopfert habe."

Noch kein Geld für November und Dezember, aber immerhin eine Zusage hat das TAG, zudem gibt es eine Basissubvention der Stadt. Geschäftsführer Ferdinand Urbach warnt allerdings: "Noch schwieriger als jetzt wird es wohl nach der Pandemie werden, wenn bei vollen Kosten Aufbauarbeit zu leisten ist und die Hilfszahlungen wegfallen. Den Gürtel enger schnallen können wir dann sicher nicht mehr."