Sind es Menschen oder Maschinen? Gar Cyborgs, also ein bisschen von beidem? Eine logische Entscheidung ist eigentlich gar nicht gefragt, sondern ein Auf-sich-wirken-Lassen der starken cineastischen Bilder, die Chris Haring und sein Ensemble Liquid Loft da auf den Bildschirm zu Hause bringen. "Stranger than Paradise" heißt die Uraufführung, die bis inklusive Sonntag auf der Website des Tanzquartier Wien als Video-on-Demand kostenlos zu sehen ist.

Der heimische Choreograf Chris Haring hat sich vom gleichnamigen Independent-Roadmovie von Jim Jarmusch aus dem Jahr 1984 inspirieren lassen. Die Atmosphäre der darin vorkommenden drei verlorenen Seelen, die durch weite Landschaften wandeln, verwandelt Haring in einen bildstarken Performance-Film. Sein vielleicht bisher melancholischstes Werk in den 15 Jahren des Bestehens seines Künstlerkollektives Liquid Loft - ungewohnt tiefernst.

Bunte, glänzende und
glitzernde Cyborgs

Ein Schwenk vom Zuschauerraum über die Technik hin zur weißen Bühne des Tanzquartiers lässt gleich zu Beginn erkennen, dass hier die Kameraführung nicht nur der Aufzeichnung einer Vorstellung im Guckkastenformat dient. Vielmehr ist die Kamera ein fixer Bestandteil der Choreografie und beweist in den ersten Minuten des kurzweiligen Stücks, dass Tanzprojekte in gestreamter Version sehr wohl funktionieren. Und wie! Sie können sogar zum Staunen bringen, wenn zu den acht außergewöhnlich präsenten Performern (Luke Baio, Stephanie Cumming, Dong Uk Kim, Katharina Meves, Dante Murillo, Anna Maria Nowak, Arttu Palmio und Hannah Timbrell) gezoomt wird. Und man sieht detailgenau ihre Bewegungen, die immer wieder, trotz Innehalten und Repetitionen, dennoch im Fluss bleiben: emotionslos, jeder für sich selbst, in sich selbst gekehrt. Sie sind bunt, glänzend, mit Tiermuster, glitzernd und geschlechtsunspezifisch gekleidet, auch hier ständig im Verwandeln. Dazu mischt Liquid-Loft-Urgestein Andreas Berger eine Klangkulisse zwischen Eurythmics und Penelope Trappes, die eine mystische, dann wiederum animalische, bald auch düstere Stimmung verbreitet.

Fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Spiegelbilder hinterfragen das Menschsein. - © Chris Haring
Fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Spiegelbilder hinterfragen das Menschsein. - © Chris Haring

Mit vielleicht eineinhalb Meter hohen Spiegelfolien, halbrund aufgestellt, und raffinierter Lichtregie (Thomas Jelinek) wird ein Spiel der Reflexionen und der Fantasie inszeniert. Dong Uk Kim räkelt sich dabei im für liquid-loft-typischen Lippensynchrongesang, entkörpert sein verzerrtes Spiegelbild erst zu einem Alien, dann zu einer bizarren menschlichen Hülle. Das Gesicht deformiert sich scheinbar schmerzvoll. Die Abstraktion dieser Bilder kennt keine Grenzen, versetzt den Zuschauer beinahe in einen tranceähnlichen Dämmerzustand. Ein abruptes Ende dieser Szene folgt, fast gruselig überbelichtet wird exerziert. Ein stetiger Wechsel zwischen hell und dunkel, Mensch und Nicht-Mensch. Weitwinkel und Zoom folgen in perfekt inszenierten ästhetischen Bildern. Dass Haring in seinen Arbeiten immer auch cineastische Einflüsse klar erkennbar gemacht hat, ist bekannt und schließlich auch Teil seiner choreografischen Handschrift. "Stranger than Paradise" fasziniert als Gesamtwerk, in dem Tanz, Inszenierung, Musik, Licht und Kameraführung ineinanderfließen.