"Pause war in der Schule immer das, wo das Leben stattfand", schreibt Stefanie Wenner in ihrem Essay "Atempause. Wo sich das Leben Bahn bricht", der soeben in der Aufsatzsammlung "Lernen aus dem Lockdown" erschienen ist. Die Professorin für Angewandtes Theater an der Universität in Dresden stellt in ihrem Beitrag weiter fest, dass die Zwangspause, die die Bühnen weltweit erleben, das Theater in seiner gegebenen Form in Frage stelle. In der Pause, so Wenner, entstehe nun Raum für Neues.

Das ist der Grundtenor der beiden Aufsatzsammlungen, die vor Kurzem publiziert wurden: Nicht die möglichst rasche Rückkehr zu einer Normalität vor der Corona-Krise wird hier propagiert, vielmehr geht es um ein Nachdenken darüber, wie sich der Theaterbetrieb langfristig verändern könnte.

"Lernen aus dem Lockdown" wurde von Haiko Pfost, dem Leiter des Impulse Theater Festivals, der Dramaturgin Wilma Renfordt und dem Journalisten Falk Schreiber herausgegeben und versammelt 27 Positionen internationaler Künstler, Kuratoren und Wissenschafter, die der Frage nachgehen, wie das Virus die Gesellschaft und die Kunstproduktion verändert; aus Wien ist etwa Regisseurin Sara Ostertag vertreten, die in ihrem Beitrag auf die häufig prekären Arbeitsverhältnisse in der freien Szene hinweist und sich für das Fair-Pay-Modell starkmacht, bei dem Honoraruntergrenzen festgesetzt wurden. Auch Kurator Michael Anoff warnt in seinem Text davor, dass "vor allem die Ungleichheitsmaschinen intakt gehalten werden" und hofft, dass die Solidarität, die anfangs alle zu Beginn des Lockdowns erfasste nicht nur eine "flüchtige Illusion" sei.

Am Höhepunkt des ersten Lockdowns im März vergangenen Jahres stellte Theatermacher Milo Rau zahlreichen internationalen Theaterleuten die entscheidende Frage: Why Theatre? Der gleichnamige Band versammelt das Who is Who des progressiven Gegenwartstheaters - von Choreografin Anne Teresa De Keersmaeker über Gruppen wie Back to Back Theatre und Nature Theatre of Oklahoma bis hin zu Regisseurin Katie Mitchell und der leider mittlerweile verstorbenen Kuratorin Frie Leysen. Die 106 Antworten ergeben kein einheitliches Bild, vielmehr ein Kaleidoskop an Sprachspielen, Aufsätzen und Manifesten, philosophisch und pragmatisch, selbstherrlich und ironisch. Auffallend ist ein gewisser Hang zur Rechtfertigung, als ob die Theaterleute irgendwie Angst davor hätten, dass ihre Kunst verzichtbar werden könnte, gerade anspruchsvollere Theaterformen. Dabei ist es doch ganz einfach. Warum Theater? Weil es Theaterbesucher gibt.