Nach dem Pop-up-Store und dem Pop-up-Radweg hat Wien nun auch den Pop-up-Opernabend. Am Donnerstag zu Mittag ereilte Kritiker ein überraschender Anruf aus der Staatsoper: Mozarts "Figaro", jüngst abgesagt wegen einiger Covid-Infektionen am Haus, werde nun doch für den ORF aufgezeichnet. Und zwar noch heute. Die Sängerschaft sei durch die Bank negativ getestet, die Aufnahme beginne in fünf Stunden - und man sei als Rezensent eingeladen. Etwas kurzfristig also. Aber gut, was hat man momentan sonst für Termine? Also her mit der FFP2-Maske und los.

Das Fernsehpublikum hat etwas mehr Zeit, sich auf die Sendung einzurichten - und allen Grund, sie nicht zu verpassen: Am Sonntagabend auf ORF III ausgestrahlt, bietet dieser "Figaro" ein stimmiges Ensemble, ein drahtiges Dirigat (Philippe Jordan) und Schauwerte von rüstiger Eleganz. Die Staatsoper hat die umstrittene Regie von Jean-Louis Martinoty links liegen lassen und statt dessen die klassische Szenerie von Jean-Pierre Ponnelle aufpoliert: jenes Jagdschloss mit Wendeltreppe, das sich seit 1977 ins Bildergedächtnis der Wiener Opernnarren gebrannt hat. Dass das Wiedersehen mit diesem Methusalem am Donnerstag nicht altvaterisch gerät, verdankt sich einer quirligen Schauspielleistung.

Vor allem liegt das Gesangsniveau hoch, auch in Nebenpartien. Das gilt zwar nicht ganz für den alten Bartolo und den Junior Cherubino; doch Barbarina und Basilio (Johanna Wallroth, Josh Lovell) gelingt erfreulich Subtiles in kleiner Rolle. Philippe Sly als Figaro, ganz hemdsärmeliges Energiebündel, macht vokale Unwuchten mit Verve wett; Andrè Schuen als Graf, ganz sonorer Sexprotz, überwältigt mit satter Attacke. Und Susanna (Louise Alder)? Gefällt als Kokette, die sich zu einer blütenzarten Rosenarie steigert. Überragend allerdings Federica Lombardi: Mit einem Sopran, wie aus Licht und Urkräften gespeist, hebt sie die Auftrittsarie der Gräfin auf Festspielniveau: Eminent, und zum Glück vom ORF festgehalten.