Thomas Bernhards Prosa- und Dramatexte sorgten zu Lebzeiten verlässlich für Furore. Doch kein anderes Stück drang tiefer ins Verschweigens- und Verdrängungszentrum der Republik als "Heldenplatz".

Eine Aufarbeitung der NS-Zeit, die diesen Namen verdiente, war damals noch nicht in Sicht, allein die Verbindung von Heldenplatz und Thomas Bernhard ließ das Schlimmste befürchten und so entfaltete sich rund um die Uraufführung am 4. November 1988 am Wiener Burgtheater ein bis heute beispielloser Theaterskandal. Von Bundespräsident Kurt Waldheim abwärts wollte eine breite Front an Politikern und Meinungsbildern die Premiere verhindern, die schließlich unter Polizeischutz stattfand und zu einem Triumph für Bernhard wurde. Claus Peymanns "Heldenplatz"-Inszenierung mit Wolfgang Gasser, Kirsten Dene und Anneliese Römer in den Hauptrollen wurde legendär, sie stand viele Jahre auf dem Spielplan, wurde mehr als 100 Mal gezeigt. Seit diesem durchschlagenden Erfolg gab es hierzulande kaum "Heldenplatz"-Neuinszenierungen.

Nun wagt sich das Landestheater Salzburg anlässlich von Thomas Bernhards 90. Jahrestag an eine Neuauflage, die vorerst nur als Online-Stream zu sehen ist. Regisseurin Alexandra Liedtke orientiert sich bei Personenführung und szenischer Umsetzung an der berühmten Vorlage, selbst das Bühnenbild von Eva Musil erinnert mit dem Altbau-Interieur an die Wiener Uraufführung. Liedtke vertraut zu Recht dem Text, der nichts von seiner Prägnanz und Eleganz verloren hat: Der jüdische Intellektuelle und Mathematikprofessor Josef Schuster begeht in "Heldenplatz" Selbstmord. Die Familie versammelt sich zum Begräbnis, lässt sein Leben in monologartigen Reflexionen Revue passieren: Vertreibung durch die Nazis, Emigration nach Oxford, Rückkehr nach Wien, in ein Land, das Schuster und seiner Frau unerträglich bleibt.

Das Problem der Aufführung liegt darin, dass im zurückgenommenen naturalistischen Inszenierungsstil die divergierenden darstellerischen Fähigkeiten des Ensembles offen zu Tage treten. Im ersten Akt hält sich Britta Bayer als Haushälterin Frau Zittel noch wacker, der Höhepunkt der knapp zweistündigen Aufführung ist zweifelsohne der zweite Akt, August Zirner philosophiert darin mit den beiden Töchtern des Verstorbenen (Julienne Pfeil und Genia Maria Karasek) über die Unerträglichkeit des Seins; Zirners nüchterne Abgeklärtheit, sein ungekünsteltes Spiel führt einen direkt in das Bernhardsche Universum. Während der dritte Akt, der Leichenschmaus nach der Beerdigung, zwischen Pathos und Langatmigkeit vollends in sich zusammenfällt. Eine "Heldenplatz"-Neuentdeckung steht noch aus.