Was wäre, wenn Hamlet einfach nicht zum Begräbnis seines Vaters gekommen wäre und daher niemals von den kriminellen Umständen seines Todes erfahren hätte? Oder Lady Macbeth! Wenn sie weniger Skrupel gehabt hätte und eine kaltblütige Auftragsmörderin gewesen wäre? Und was hätte Claire Zachanassian aus Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" nicht alles mit ihrem vielen Geld machen können! Was für eine Verschwendung, es dem Dorf Güllen zukommen zu lassen, nur um Rache an ihrem ehemaligen Geliebten zu üben.

Aus solchen Was-wäre-wenn-Überlegungen entwickelt Theatermacher Yosi Wanunu die Texte für die Videoinstallation "After the End and Before the Beginning", die nun im Theatermuseum zu sehen ist. In den Räumlichkeiten des Palais Lobkowitz, zwischen den Exponaten des Theatermuseums und den Bildern der Gemäldegalerie, die bis zur Renovierung der Akademie der bildenden Künstler im Theatermuseum ausgestellt werden, hat die Wiener Theaterformation toxic dreams sechs Video-Stationen aufgebaut. Die Besucher bewegen sich frei durch das Museum, nehmen einzeln vor jeder Installation Platz. Die Objekte erinnern an Bühnenbildmodelle aus dem Fundus des Theatermuseums, stellen hier aber keine Theaterräume dar, sondern sind Miniaturnachbildungen alter Kinosäle. Insgesamt werden neun etwa zehnminütige Videofilme in den kunstvoll gestalteten Boxen abgespielt.

Die Filme ähneln einander in ihrer Dramaturgie: Ein Schauspieler besteigt ein Taxi, verwickelt den Taxifahrer, verkörpert von Regisseur Wanunu, in ein Gespräch, in dessen Verlauf sich herausstellt, dass eine aus der Dramengeschichte bekannte Figur aus ihrem Handlungsschema ausbricht und zu völlig neuen Einsichten über sich und das Leben gelangt.

Filmische Abweichung

Olga, eine Protagonistin aus Tschechows "Drei Schwestern", die das ganze Stück über vom einzig wahren Leben in Moskau schwärmt, dabei aber nie aus der Provinz herauskommt, findet in Wanunus Deutung Erlösung: Sie fährt übers Wochenende nach Moskau. Nüchterne Erkenntnis: Nichts aber auch rein gar nichts hat sich dadurch verändert. Kein Aufbruch in Sicht. Performerin Anat Stainberg trifft punktgenau die Krisenstimmung einer 50-jährigen Lehrerin, die nicht weiter weiß. Auch Woyzeck (Florian Tröbinger) legt in Wanunus Dramenüberschreibung nicht Hand an sich, sondern geht zuerst einmal richtig gut essen.

Toxic dreams gelingt mit diesem Hybrid-Format eine pointierte und unterhaltsame Auseinandersetzung mit Ikonen der Dramenliteratur. Die filmischen Abweichungen vom Tragödienschema dürfte Theater-Connaisseure bestens amüsieren.