"Streaming ist nichts, das Theater richtig präsentiert", findet der Vorarlberger Autor und Regisseur Thomas Welte. "Das ist nur eine Notlösung. Das hat mir nie wirklich gefallen. Das Live-Erlebnis fehlt", konstatiert er. Mit "Poligonale" will er in diesem Jahr ein hybrides Digital-Format auf die Bühne bringen, das beide Welten vereint. Und noch eins drauflegt: Das im Theater sitzende Publikum sieht die Schauspieler live in einer Virtual-Reality-Welt.

Der 1979 in Feldkirch geborene Leiter von "Shakespeare am Berg" arbeitet mit seiner Truppe derzeit an einem kurzen Stück für zwei Schauspieler, die in Motion Capture-Anzügen stecken. All ihre Bewegungen werden digital aufgezeichnet und in eine virtuelle Welt transferiert, die die mit VR-Brillen ausgestatteten Besucher sehen. Nehmen sie die Brillen ab, sehen sie die Schauspieler auf der Bühne, wie sie Gegenstände bewegen oder interagieren. Der Ton kommt live aus dem Theatersaal.

Bühnenbilder auf Knopfdruck

Die virtuelle Umgebung baut Welte mit einem Game Engine, wodurch zahlreiche "Bühnenbilder" auf Knopfdruck entstehen sollen. "Ich habe die Elektrotechnik-HTL gemacht und mich immer für Technik interessiert, das ist immer nebenher mitgelaufen", erklärt er im APA-Gespräch. Eigentlich wollte er zum Film, "ich bin aber beim Theater gelandet", lacht Thomas Welte. Dort hat er in den vergangenen Jahren vor allem Shakespeare inszeniert, nun soll es ein eigenes Stück werden.

Seine "Poligonale" sei ein "technisch extrem kompliziertes Unterfangen", das zudem recht teuer ist. Da kommt es ihm zugute, dass er möglichst viel selbst umsetzen kann. "Ich bin seit ungefähr einem Jahr damit beschäftigt, dass das funktioniert." Die Idee zu dem Format hatte er schon vor der Corona-Pandemie, die die Umsetzung allerdings beschleunigt habe. Mittlerweile kenne er sich mit der dafür benötigten Technik relativ gut aus. Dank zahlreicher vorhandener Open Source-Vorlagen habe er selbst einen Motion Capture-Anzug bauen können, das Publikum im Saal erhält die VR-Sets gestellt. Aber auch zu Hause könnten Theaterbesucher mit dabei sein, sofern sie über eine derartige Brille verfügen.

Publikum sind Gamer

Dabei denkt Welte nicht unbedingt an das klassische Theaterpublikum, sondern auch an junge Gamer, die sonst wenig mit dem Medium Theater am Hut haben, aber über die technische Ausrüstung verfügen. "Das ist das Ding, wo ich mir denke, da kann man weniger theaterinteressiertem Publikum den Zugang erleichtern", zeigt er sich optimistisch. Nach der Premiere in Vorarlberg - "wahrscheinlich in Hohenems" - schwebt im eine Tour durch die Bundesländer vor. Das Equipment wird einfach mitgebracht.

"Ich bin nicht sicher, ob ich Theater dazu sagen will", ringt er um eine Definition. "Es ist eine Mischung aus Theater und Film. Es ist ein Live-Film. Was ich im Theater nicht kann, kann ich hier: unendlich viele Welten erstellen. Ich kann durch die Gegend fliegen, wenn ich will." Dennoch sei es ganz anders, als einen Film zu drehen, für den man mehrere Monate Zeit hat. Das Ergebnis sei "szenisch theatral, aber mit filmischen Elementen." Und hier schlägt er den Bogen zu Shakespeare: Dieser sei aus seiner Perspektive "der erste Filmregisseur, nur dass es damals noch keinen Film gab", so Welte. "Er hat so filmisch geschrieben, mit vielen Szenen, Orten und Schauspielern. Seine Stücke sind wie ein Drehbuch." Das Problem am Theater - vor allem bei kleinen Produktionen - sei jedoch immer, ein Stück mit 20 Figuren mit fünf Schauspielern zu inszenieren.

"Dieses Problem hat man bei VR nicht, weil da kann man das alles auf Knopfdruck verändern. Ich muss mich nicht beschränken." Für ihn als Regisseur bedeutet das allerdings jeden Abend harte Arbeit, da man die Prozesse nicht automatisieren könne. "Man sitzt am Computer und managt alles mit den Kameras, wie bei einer Live-Sportübertragung." Die Premiere soll im Herbst stattfinden. Auch werde das Stück mit rund 30 Minuten recht kurz sein. "Wenn man diese Headsets nicht gewöhnt ist, ist es am Anfang nicht einfach. Aber wir machen es, um zu zeigen, dass es möglich ist." (apa)