Für den schnellen Konsum eignen sich die Bilderwelten von Jan Lauwers nicht. In ihnen trifft Theater auf Tanz, Musik auf darstellende Kunst. Und obwohl sie sich alle die Bühne teilen, konkurrieren sie in den teils opulent arrangieren Bildern nicht, sondern fügen sich zu einem gemeinsamen Kosmos - oft jenseits rationaler Fassbarkeit. Eile ist dabei keine angebracht, ist Jan Lauwers überzeugt: "Visuelle Kunst wie das Theater infiltriert, bietet dem Gehirn neue Möglichkeiten für neue Blicke. Das braucht Zeit."

Im Sommer 2018 hat der Performer und Theatermacher seine Bühnenwelten erstmals aus einer Oper heraus entstehen lassen und bei den Salzburger Festspielen Monteverdis "L‘incoronazione di Poppea" inszeniert. Anfangen konnten mit den großen Tableaus nicht alle etwas. Wohl aber Staatsoperndirektor Bogdan Roščić. Er holt die Produktion ins Repertoire nach Wien, Premiere ist für den 22. Mai 2021 geplant. Jan Lauwers selbst ist schon seit zwei Jahren in das nächste Opernprojekt involviert: Luigi Nonos "Intolleranza 1960". Die Premiere vergangenen Sommer bei den Salzburger Festspielen musste auf 2021 verschoben werden.

Beklemmend gegenwärtig

Jan Lauwers, 1957 in Antwerpen geboren, ist Performer und Theatermacher. 1986 gründete er mit Grace Ellen Barkey in Brüssel die Needcompany, deren künstlerischer Kopf er bis heute ist. 2009 bis 2014 war sie Artist in Residence am Burgtheater in Wien. apa / Herbert Pfarrhofer - © APA/HERBERT PFARRHOFER
Jan Lauwers, 1957 in Antwerpen geboren, ist Performer und Theatermacher. 1986 gründete er mit Grace Ellen Barkey in Brüssel die Needcompany, deren künstlerischer Kopf er bis heute ist. 2009 bis 2014 war sie Artist in Residence am Burgtheater in Wien. apa / Herbert Pfarrhofer - © APA/HERBERT PFARRHOFER

Das Libretto von Nonos erstem Musiktheaterwerk ist aus Essays und Gedichten von Jean-Paul Sartre oder Bert Brecht gestrickt, im Zentrum steht ein Auswanderer, dessen Heimkehr missglückt. Verwoben ist all das in eine dichte Partitur, fragmentarisch, assoziativ, episodenhaft, emotional dicht. Am Ende: eine humanitäre Katastrophe - ein beklemmend gegenwärtiges Stück.

Der Schritt von Monteverdi zu Nono war für Lauwers kein besonders großer, erzählt er im Interview mit der "Wiener Zeitung": "Menschen glauben, dass nur wir heute in Zeiten enormer Veränderung leben. MeToo, Migration, die Black-Lives-Matter-Bewegung, die aktuelle Pandemie: Davon ist jeder beeinflusst. Doch wir sind damit nicht alleine. Diese beiden großartigen Komponisten Monteverdi und Nono haben über dieselben Dinge geschrieben, beide eine politische Oper komponiert."

Aus der Geschichte lernen

Kunst ist immer politisch, ist einer von Lauwers Leitsätzen, Kunst für ihn immer rückgebunden in eine Gesellschaft. Und doch sieht er eine klare Grenze: "Wenn Kunst nur ein aktivistischer politischer Akt wird, macht das die Kunst ärmer. Da müssen wir vorsichtig sein. Wenn ich in meinem Atelier arbeite, darf der Aktivist in mir nicht herein. Die Meisterschaft großer Kunst liegt darin, was man aus dem politischen, dem gesellschaftlichen Kontext macht. Nono hat aus einer Oper ein Event gemacht. Diese Meisterschaft war für mich ausschlaggebend, ,Intolleranza‘ inszenieren zu wollen. Es ist ein unglaublich starkes, wunderbar komponiertes Stück. Nono war ein Aktivist, das stimmt schon. Aber er war in erster Linie Künstler. Form und Inhalt finden also eine wunderbare Balance. Genau in dieser Balance entsteht herausragende Kunst."

Lauwers ist auch überzeugt, dass wir aus Geschichte lernen können. Aber wie glaubhaft ist das, wenn uns seit 400 Jahren dieselben Themen beschäftigen? Lauwers verweist auf sein jüngstes Projekt in Belgien. Dort erarbeitet er mit seiner Needcompany gerade alle Shakespeare-Dramen an einem Abend: "Dabei bin ich darauf gestoßen, dass es um 1600 in London eine vergleichbare Pandemie gab. Shakespeare musste Theater schließen, war arbeitslos. Was hat er gemacht? Er hat seine ersten Sonette geschrieben. Shakespeare war also in derselben Situation wie wir. Das gibt Hoffnung. Geschichte wiederholt sich und wir lernen daraus. Außer Donald Trump, der weiß nicht einmal, was Geschichte ist."

Dass Nono "Intolleranza 1960" nicht als Oper, sondern als "Situation" bezeichnet, kommt Jan Lauwers Arbeitsweise entgegen: "Da sind wunderbare Momente der Stille zwischen den Akten. Die kann man beliebig lang halten, das gibt enorme Freiheiten. Im Libretto heißt es: ‚Jetzt explodiert die Bühne.‘ Das kann zehn Minuten dauern oder eine halbe Stunde. Ich fühle mich bei diesem Werk wie ein Fisch im Wasser, habe mich sofort verliebt. Es gibt so viele großartige Möglichkeiten, ein Event zu schaffen. Mit dieser Idee Nonos fühle ich mich sehr verbunden. Es ist eher eine Erfahrung als eine Oper."

Fragen statt Antworten

Die Produktion von 2021 wird nicht dieselbe sein wie die, die für 2020 geplant war: "Es ist viel passiert in den vergangnen zwei Jahren: MeToo, Corona, Gewalt gegen Schwarze. Meine Sicht auf die Gesellschaft war zu sehr von meinem männlichen Blick geprägt. Die Welt verändert sich laufend und wir Künstler reagieren darauf in unseren Arbeiten. Dazu wollte ich beim Thema Migration ursprünglich auch mit der Ästhetik der Menge arbeiten und 100 Salzburgerinnen und Salzburger einladen, mit uns auf der Bühne sein. Von dieser Idee musste ich mich in Zeiten von Corona leider verabschieden."

Was Lauwers an Nonos Werk fasziniert ist die Vielschichtigkeit: "Man kann da vieles finden, eine Liebesgeschichte, sogar ein wenig Hoffnung. Diese Ambiguität interessiert mich sehr. Wenn ich es verstanden habe, ist es schon weniger spannend. Wenn Besucher aus der Produktion gehen und sich sagen: ,Ich bin voller Fragen und habe keine Antworten bekommen‘, dann ist uns etwas Spannendes gelungen." Seinen Performer gesteht der Regisseur dabei viele Freiheiten auf der Bühne zu, bezieht sie in den Prozess des Inszenierens mit ein: "Die Partitur ist fordernd. Doch es gibt auch jenseits der Noten enorm viele Möglichkeiten. Ich möchte auch die Wiener Philharmoniker und Dirigent Ingo Metzmacher mit einbeziehen in das Bühnengeschehen. Das Orchester soll nicht im Graben versteckt bleiben. Der Gedanke der Gemeinschaft, des Miteinanders ist zentral für mich." Auch dramaturgisch will Jan Lauwers eingreifen: "Ich werde ein neues Stück im Stück schreiben, zwischen Teil eins und zwei, gemeinsam mit den Darstellern und mit den Sängern. In Nonos Welt eine neue Welt zu schaffen, da ist eine spannende Paarung möglich."

Kraft der Entschleunigung

Die Kraft der Entschleunigung, auf die Lauwers in vielen seiner Produktionen setzt, die will er auch in diesem sehr intensiven Werk nutzen - und "zwischen den Teilen entschleunigen. Ich möchte den Weg zwischen der gewaltigen und starken Musik finden. Ich habe Ingo Metzmacher gefragt, ob er entscheiden möchte, wie lange die Stille dauert. Seine spontane Reaktion war: ,Die Stille gehört dir.‘ Das ist wunderbar. Dadurch können wir einen gemeinsamen Rhythmus finden. Die Musik ist durch die Partitur bestimmt - die Stille dazwischen kommt aber auch aus der Musik. Doch auch die Stille verändert die Musik. Ob die Produktion 1 Stunde 12 Minuten dauern wird oder zwei Stunden, das verändert die Art, die Musik zu hören."

Wie die Pandemie die Kunst verändern wird? Lauwers: "Wir werden viel gute Kunst sehen. Künstler sind zum Innehalten, zum Nachdenken gezwungen. Sie machen sich Vieles bewusster. Wie kann ich in Kontakt mit dem Publikum treten? Was will ich dabei bewirken? Es ist eine Zeit der schnellen Veränderung, fühlt sich aber gut an. Diese Zeit macht uns profund, emotional tief. Auch wenn ein Künstler jetzt nicht arbeiten kann, bleibt er ein Künstler. Die Themen arbeiten weiter in uns - auch jenseits der Bühne. Wir werden gestärkt aus diesen fordernden Zeiten hervorgehen."