4655 gibt der Anthropologe tagtäglich an die Zentrale in der sibirischen Stadt Krasnojarsk durch. Der Zahlencode steht für "Kein Fund von Wert". Eine Naturkatastrophe hat den Planeten beinahe zerstört, auf der Suche nach Überlebenden tigert er schon seit Jahren durch die menschenleere Steppe zwischen Russland und China, immerzu: 4655, 4655, 4655. Bis der Anthropologe eines Tages einer jungen Frau begegnet.

Das Stück "Krasnojarsk" entfaltet vor dem Hintergrund einer postapokalyptisch verrohten Gesellschaft eine komplexe Boy-meets-Girl-Geschichte, die nun in einem nicht alltäglichen Setting vom Grazer Schauspielhaus als deutschsprachige Erstaufführung gezeigt wird.

Klick und Enter

Wer eine Karte für die Vorstellung von "Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360 Grad" erwirbt, muss zunächst auf die Zustellung der VR-Brille warten. Der virtuelle Theaterabend beginnt, sobald man den Controller in die Hand nimmt, das graue Brillenungetüm aufsetzt, sich noch über die Empfehlung wundert, während des Screenings auf einem Drehstuhl zu sitzen. Klick. Enter. Schon findet man sich inmitten einer steppenähnlichen Landschaft wider, die seltsamerweise ganz in Schwarz-Weiß gehalten ist. Eine Stimme ist zu hören, aber man muss sich ziemlich drehen und wenden (Drehsessel, alles klar!), bis man in der 360-Grad-Aufnahme irgendwann eine Gestalt ausmacht, die langsam näher kommt.

Wenn Schauspieler Nico Link den Code 4655 an die Kollegen durchgibt, scheint er einem so nah zu sein, dass man förmlich meint, man könne ihn am Ärmel berühren. Mit diesem Wechselspiel aus Nähe und Distanz, Mittendrin- und Verlorensein experimentiert Regisseur Tom Feichtinger und lotet in der VR-Vorstellung von "Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360 Grad" einige Möglichkeiten von Virtual-Reality-Aufzeichnungen aus. Das hat schon was. Einmal entzündet Link ein Lagerfeuer, auch wenn die Situation vollkommen virtuell ist, stellt sich ein Gefühl von Lagerfeueratmosphäre und Verbundenheit ein. Verschwindet einer der Akteure aus dem Blickfeld, fühlt man sich einen Moment lang im Stich gelassen. Wenn Katrija Lehmann und Nico Link einander näherkommen, wird man ungewollt in die Rolle eines Voyeurs gedrängt, bis das Paar endlich in den Schlafsack schlüpft. Wer zum ersten Mal einen VR-Film erlebt, ist wohl mehr mit ungewohnten Sinneseindrücken, als mit Inhalt und Form beschäftigt.

Doch auch das Thema trifft einen Nerv. Der norwegische Autor, Johan Harstad, 42, einer der profiliertesten Gegenwartsautoren Skandinaviens, hat mit "Krasnojarsk" eine nüchterne Dystopie entworfen. Die Isolation der beiden Protagonisten, die menschenleere Umgebung, die bedrohliche Umwelt, passt auf ungemütliche Weise zur gegenwärtigen Lockdown-Stimmung. Bei all dem Kulturpessimismus erlaubt sich Harstad doch einen Lichtschimmer: Die Geschichten aus der untergegangenen Welt, die Poesie einer verlorenen Normalität, die sich die Protagonisten abends vorlesen.

Viele Bühnen haben im vergangenen Jahr digitale Möglichkeiten ausprobiert, die Zwangspause brachte einen Technologieschub und neuartigen Szenarien. Der VR-Versuch des Schauspielhauses Graz mag mehr mit Film zu tun haben als mit herkömmlichem Theater. Wen kümmert’s? Außergewöhnlich ist es allemal.