Es ist eine seiner persönlichsten Arbeiten, die Philipp Gehmacher geradezu fragil wirken lässt. Kennt man den heimischen Choreografen bisher doch als energiegeladenen Konzeptionisten. Doch "In its Entirety (Part 1&2)" ist anders. Nicht nur deshalb, weil sich Gehmacher dem Trend der Online-Performances angeschlossen hat: Sein jüngstes Werk ist bis inklusive 25. Februar auf der Homepage von Le Studio zu sehen. Und ja, das Video beginnt mit dem zweiten Teil. Gehmacher habe den ersten Teil bewusst an die zweite Stelle gesetzt, denn er schildere, wenn auch sehr offen, ein zeitliches Davor. Es sei vielleicht fast schon ein Prequel, meint der Gehmacher auf Anfrage.

Zucken und winden

Die Bühne als Land von vielen, liest er mit kratzender Stimme von einer Landkarte ab, die er nach einer gelesenen Sequenz weiterdreht. Er spielt auch auf das Streaming ohne Live-Publikum an: "Der Bildschirm als Schutzschild, dein Bildschirm, dein Herz", sagt er. Dann erforscht er auf dunkler Bühne in dunkler Kleidung die Bewegungen seines Körpers. Bewegungen, die in jahrzehntelanger Auseinandersetzung zu seinem Markenzeichen geworden sind. Immer wieder kreuzt er einen Fuß vor dem anderen, zeigt seine Bemühungen um Stabilität, die er zuvor noch erwähnt hatte. Eine Welle geht durch seinen Körper, bringt ihn zum Zucken und Winden. "Ein Leben stellt sich um", liest er danach, denkt laut über seine schmerzende Schulter nach, seinen Körper, der nicht zur Verfügung stehen wollte, oder auch das Kind in einem selbst: Gehmacher springt und dreht sich in einem rosa Kuschelpullover und Hose in der nächsten Szene. Doch bald darauf wird das Kind in einem unterdrückt und vergessen.

Gemeinsam mit Alex Franz Zehetbauer (r.) inszeniert Philipp Gehmacher eine Rede zum Thema "tasting body and life to its entirety". - © Screenshot-2021-2-16 / "In its Entirety" / Philipp Gehmacher
Gemeinsam mit Alex Franz Zehetbauer (r.) inszeniert Philipp Gehmacher eine Rede zum Thema "tasting body and life to its entirety". - © Screenshot-2021-2-16 / "In its Entirety" / Philipp Gehmacher

Der darauffolgende erste Teil entstand bereits im letzten Jahr. Die Dunkelheit des vorigen Parts weicht nun einer weißen und hellen Inszenierung: Gemeinsam mit Alex Franz Zehetbauer zitiert Gehmacher aus seinen philosophischen Gedanken rund um "tasting body and life to its entirety", also den Körper und das Leben in seiner Gänze auszukosten. Zehetbauer wiederholt singend die Sätze Gehmachers, was den Zuschauer fast in Trance versetzt. Doch halt! Man verpasst sonst die Rede! Streaming sei Dank: Einfach zurückspulen.