Leere Stiegen, leere Foyers. Im Gobelin-Saal drängen sich zu Normalzeiten die Menschen so dicht, dass man sich nur unter Ellbogeneinsatz vom einen Ende zum anderen durchwühlen kann. Jetzt steht ein Paar verloren in dem Raum. Die junge Frau fotografiert ein paar Details, der Mann liest die Beschreibungen auf den Tafeln. Gespenstisch liegt der Marmorsaal: Ohne die Personenfülle wirkt er kalt, abweisend. Man fühlt sich erinnert an Stanley Kubricks Film "Shining". Werden gleich die Blutwellen aus den Wänden stürzen?

Die Staatsoper als Spukhaus: Es ist ein auch beklemmendes Erlebnis. Eines, das vor Augen führt, was die Corona-Krise nicht nur für die Kunst bedeutet, nämlich Trennung vom Gegenüber. Die soziale Distanz ist eine enge Verwandte der Vereinsamung. 2.100 Gäste zählte die Staatsoper am ersten Rundgang-Wochenende, verteilt auf drei Tage zu je fünf Stunden. Wenn das Haus für eine Vorstellung in Normalzeiten ausverkauft ist, fasst es rund 1.700 Besucher. Die Magie der Prunksäle und des ringseitigen Balkons hat sich gewandelt in Bitterkeit. Im Marmorsaal trauert ein Staatsopern-Modell aus Zuckerguss von der Konditorei Gerstner den luxuriösen Tagen nach. Alle lustvolle Verspieltheit ist versunken in der Corona-Tristesse.

Kurzes Verweilen in der Kaiserloge. Ein paar Minuten Zuhören bei der Klavierprobe von Georges Bizets "Carmen". Auf der Bühne Autos und die Umrisse eines Stiers. Die Sehnsucht, im Haus dabei zu sein, wird übergroß. Schnell hinaus - das ist besser für einen ausgeglichenen Gefühlshaushalt.

Es ist richtig, das Haus zu öffnen, und wenn es auch nur für einen "Kunst- und Architekturrundgang" ist. Die Kultur muss Präsenz zeigen, auch wenn es nur über Umwege möglich ist. Der Rundgang, im Prinzip durch die Räume des Ersten Rangs, ist liebevoll gestaltet: Wegweiser lotsen den Besucher zu den 17 Stationen, bei denen Informationstafeln auf künstlerische und architektonische Besonderseiten verweisen. Das kostenlose Begleitheft sollte man unbedingt mitnehmen und aufbewahren - nicht nur, weil es dereinst von einer Ausnahmesituation zeugen wird, sondern auch, weil es mit wahrer Hingabe gestaltet ist.

Ein bisschen mehr wäre möglich: Bei den Büsten der Staatsoperndirektoren etwa könnte man Kurzbiografien anbringen, und das neue Kassenfoyer ist bei der Literatur nicht mit der Arcadia zu vergleichen, deren Schaufenster nun in leerem Gähnen dahindämmern. Aber geht es überhaupt wirklich um den Rundgang selbst? - Gewiss: Der Besucher nimmt die Staatsoper auf diese Weise anders wahr, als wenn er sich auf das Opern- oder Ballettereignis konzentriert und das Gebäude selbst nur ein Rahmen ist. Jetzt wird das Haus selbst zum Hauptdarsteller. Es macht gute Figur in der ungewohnten Rolle.

Und es ist schön, hier zu sein und an Ort und Stelle auf die Öffnung der Theater und Opern hoffen zu können, die ohnedies so vorbildlich ihrer Verantwortung nachgekommen sind. Und doch bleibt ein schaler Geschmack zurück: Gibt es etwas Traurigeres, als ein Opernhaus, als ein Theater ohne Publikum? Der Zeigefinger streicht über das Holz der Tür. Ein Abschied - für wie lange noch? Hoffnung allein ersetzt keine Aufführungen.