Nun kommt sie also doch an die Staatsoper, die "Carmen" von Regisseur Calixto Bieito: Anfang Februar wegen positiver Coronatests am Haus verschoben, findet die Premiere am Sonntag vor leeren Reihen statt und wird vom hauseigenen Streamingkanal (18 Uhr) und ORF III (20.15) gesendet. Im Zentrum der bereits international erprobten Produktion: die Sängerin Anita Rachvelishvili. 1984 in schlichten Verhältnissen in Tiflis geboren, ging ihr Stern 2009 mit der Titelrolle in Georges Bizets "Carmen" auf und strahlt heute am Klassikhimmel. Die schallstarke Georgierin wird mit Preisen überhäuft, und ihr Terminkalender wäre übervoll - gäbe es das Coronavirus nicht, an dem zuletzt auch sie in Wien erkrankte. Ein Gespräch über Covid, Carmen und Kultur-Stillstand.

"Wiener Zeitung": Herzlichen Glückwunsch zur Genesung. Stimmt es, dass Sie jetzt schon zum zweiten Mal am Coronavirus erkrankt sind?

Anita Rachvelishvili: Ja, das erste Mal ist es im vorigen Sommer passiert. Vielleicht hatte ich jetzt keine Antikörper mehr. Ich war überrascht, als ich wieder die Symptome bekommen habe. Ich habe mich sofort isoliert, getestet und war positiv. Zum Glück hatte ich eher milde Symptome.

Es gibt Kollegen, die wollen wegen des Virus gar nicht auftreten. Haben Sie keine Angst um Ihre Lungen?

Wenn wir unser Leben von der Angst bestimmen lassen, hören wir irgendwie auch auf zu leben. Natürlich ist es eine schwierige Zeit, einige Kollegen mussten wegen Covid-19 ins Spital. Aber ich finde, man muss weitermachen, natürlich mit den gebotenen Sicherheitsmaßnahmen.

Wie schwierig waren die "Carmen"-Proben in Wien? Sie mussten zwei Wochen pausieren, außerdem sind die Micaela und der Don José umbesetzt worden, den nun Piotr Beczala singt.

Natürlich bedeutet das mehr Arbeit. Du beginnst, mit jemandem zu proben, es entwickelt sich eine Chemie - und dann musst du dich auf einen anderen Kollegen einstellen. Aber das ist auch interessant, weil man durch unterschiedliche Konstellationen neue Dinge über sich selbst lernt.

Die Regie von Calixto Bieito kennen Sie dafür gut: Sie sind darin schon auf verschiedenen Bühnen aufgetreten.

Ja, sehr oft, vor allem in Paris. Ich habe bei diesen Aufführungen aber nie persönlich mit Calixto Bieito gearbeitet, sondern immer mit seinen Assistenten. In Wien bin ich jetzt das erste Mal mit ihm zusammengetroffen. Das hat mich sehr beeindruckt, weil ich diese Produktion liebe.

Und? Konnten Sie ihm ein paar Fragen stellen, die Ihnen seit Jahren unter den Nägeln brennen?

Ja, und erfreulicherweise denken wir genau gleich über die Carmen und wie intensiv, naturgewaltig und emotional sie wirken muss.

Anita Rachvelishvili hofft im Opernhaus auf eine baldige Rückkehr des Publikums, "ohne das ein Sänger nicht leben kann". - © Dario Acosta
Anita Rachvelishvili hofft im Opernhaus auf eine baldige Rückkehr des Publikums, "ohne das ein Sänger nicht leben kann". - © Dario Acosta

Carmen wird gern als selbstbestimmte Frau gefeiert. Aber ist diese Figur, die sich Männer angelt und wieder fallenlässt, nicht auch sehr harsch?

Auch das. Sie ist stark, sie weiß zu manipulieren und will die Kontrolle. Sie ist eine Feministin und damit eine Ausnahme in ihrer Zeit. Sie nimmt sich den Mann ihrer Wahl, aber sucht die Flucht, sobald er sie unter Druck setzt. Carmen ist lieber einsam, ja sogar lieber tot als unfrei.

Bieito siedelt "Carmen" im Spanien der Franco-Diktatur an. Ist das sinnvoll?

Die Oper ist zeitlos, darum kann man sie in jede Epoche verlegen. Ich bewundere es, wie profund und intelligent diese Regie den Charakter der Figuren erfasst.

Wird der Tag kommen, an dem Sie die Rolle der Carmen satthaben?

Das glaube ich nicht. Ich singe sie nicht mehr so häufig wie am Anfang meiner Karriere. Nach einer längeren Pause fühle ich, wie die Begeisterung für die Musik wiederkehrt und für diese Figur, die voller Leben ist. Es verlangt viel Energie, physisch und psychisch, sie darzustellen.

Apropos: Vermissen Sie die Energie des Publikums bei Streamingaufführungen?

Das erste Mal habe ich so eine Aufführung im März 2020 erlebt, in Berlin. Wir spielten die ersten zwei Abende vor ausverkauftem Saal, am dritten war schlagartig kein Publikum mehr zugelassen. Der Moment, als ich auf die Opernbühne kam und die leeren Reihen sah, war tragisch. Am Ende haben wir uns gegenseitig beklatscht, um ein wenig von der gewohnten Applaus-Energie zu spüren. Aber natürlich: Streaming ist ein Behelf, um den Menschen zumindest irgendetwas zeigen zu können.

Haben Sie sich daran gewöhnt?

Ich glaube, das kann man nicht. Wir sind in einem Warte-Modus und müssen auf bessere Zeiten hoffen. Nichtsdestoweniger glaube ich, dass ein Sänger nicht ohne das Publikum leben kann: In dieser Beziehung findet ein gewaltiger Energieaustausch statt. Wenn das noch lange so weitergeht, werden wir irgendwann nicht mehr fähig sein zu arbeiten. Ich denke, irgendwann muss man ein gewisses Maß an Normalität wieder zulassen. In Spanien zum Beispiel werden die Bühnen bespielt, in den Sälen ist eine Publikumskapazität von 50 Prozent gestattet. Hoffentlich setzt sich irgendwann die Erkenntnis durch, dass man die Kunst nicht ganz abdrehen kann. Die Menschen brauchen sie, ohne Kunst gibt es keine Zukunft.

Wegen der Absage großer Projekte planten die Opernstars im Vorjahr plötzlich von heute auf morgen und traten an unverhofften Orten auf. Sie auch?

Ja. So traurig die vielen Absagen waren, hatten diese Alternativen zumindest einen gewissen Reiz. Ich sang an Orten, an denen ich sonst wegen meines vollen Kalenders nicht aufgetreten wäre, im Jänner etwa in Valencia. Und im Vorjahr trat ich öfters im Freien auf, zum Beispiel in Athen bei der römischen Agora. Dort war zwar nicht viel Publikum erlaubt, aber das Schöne war: Die Leute, die vorbeikamen, blieben stehen und hörten zu.

Als Teenager sangen Sie Mariah Carey und Whitney Houston nach, tun Sie das immer noch?

Bis 16, 17 habe ich nur Pop, Soul und Jazz gesungen, danach wechselte ich zur Oper. Die Gesangslehrer rieten mir dann davon ab, etwas anderes als klassische Musik zu singen, weil man für die verschiedenen Genres verschiedene Techniken braucht. Irgendwann habe ich nebenbei aber wieder mit Pop und Jazz begonnen und singe diese Lieder auch wieder mit meiner natürlichen Stimme - ich habe bemerkt, dass ich zwischen den beiden Techniken umschalten kann. Ich habe auch eine Band in Georgien. Ab und zu treten wir auf, es macht Spaß.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages ein Crossover-Album einzuspielen?

Das werde ich sogar. Soeben habe ich mein zweites Album für Sony Classical aufgenommen - mit Kunstliedern, begleitet vom großen Pianisten Vincenzo Scalera. Das dritte Album wird Jazz-Klassiker wie "My Funny Valentine" und "Summertime" beinhalten, ich denke, das wird lustig.