Ein roter Teppich ist ausgerollt, er führt die Zuschauer hinein ins strahlend weiße Volkstheater. Vor mehr als einem Jahr wurde die Bühne wegen umfassender Sanierungsarbeiten geschlossen. Am Jahresanfang hätte es mit einem Premierenreigen unter dem neuen Intendanten Kay Voges losgehen sollen. Daraus wurde leider nichts.

Nun gehen zum ersten Mal die Türen auf. Am Spielplan steht "Black Box", ein "Phantomtheater für eine Person" eingerichtet vom Theaterkollektiv Rimini Protokoll. Was für eine exquisite Situation! In der Garderobe werden einem Stoffhandschuhe und ein Audiogerät samt Kopfhörern ausgehändigt, im Fünf-Minuten-Takt werden die Zuschauer einzeln losgeschickt.

Die Stimme der Schauspielerin Bettina Lieder lotst einen in den kommenden 90 Minuten durch das Haus. Erste Station: Ein Kabäuschen im Foyer, nicht mehr als ein Sessel hat darin Platz, es riecht frisch gestrichen, früher wurden hier Eintrittskarten verkauft. "Wann wird das Publikum wiederkommen?", fragt einen die Stimme aus dem Off.

Theatergemeinschaft

Weiter geht es die Stufen hinauf, rechts und links abbiegen, durch schmale Gänge und endlich darf man Türen aufstoßen, die einem sonst verschlossen bleiben. Es ist eine Backstage-Führung der besonderen Art, da man ganz allein durch die Arbeits- und Produktionsräume streift, angeleitet von einer Tonspur, die wie ein Hörspiel gestaltet ist und einem die Räumlichkeiten, einige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter vorstellt.

Am besten gelingen in "Black Box" jene Stationen, in denen man beim Marsch durch das Theatergelände ganz praktische Dinge über das Theatermachen erfährt, wo einem das Handwerk nähergebracht wird. In der Kostümabteilung erklärt Abteilungsleiterin Tina Prichenfried zwischen vier Näh- und fünf Waschmaschinen etwa, wie wichtig es ist, dass Kostüme gut waschbar sind, auf der Lichtbrücke, hoch über dem Bühnenpodium, spricht Lichttechniker Julian Paget darüber, wie Stimmungen per Knopfdruck hergestellt werden. Drama braucht Technik. Tief unten, im Keller des Theaters, wirft man einen Blick auf die Klimaanlage des Hauses, ohne die man im Sommer Temperaturen bis zu 45 Grad erreichen würde.

In der Maske kann man nicht nur Pinsel und Lippenstift anfassen, Maskenbildnerin Katharina Gueguen erläutert, wie man sich Augenringe schminkt, als wäre man seine eigene Großmutter.

Einer der Höhepunkte ist wohl der Souffleurkasten: Der enge dunkle Raum befindet sich seitlich unter der Bühne, Souffleur Jürgen M. Weisert haucht einem etwas über die hohe Kunst der Einflüsterung ins Ohr. Schließlich sitzt man einen Moment vorm Inspizientenpult und schickt sich selbst auf die Bühne. Allein steht man im Lichtkegel, im bis auf wenige andere "Black Box"-Besucher menschenleeren Theaterraum.

Die Idee zu "Black Box" entstand im Lausanner Théâtre Vidy, dort lief es, kurz bevor das Theater abgerissen wurde, im Sommer lief eine Adaption in Stuttgart, in Wien markiert der Audio-Walk nun den Anfang einer neuen Direktion. Die derzeitige Ausnahmesituation verleiht "Black Box" eine Einzigartigkeit, die es im Normalbetrieb kaum entfalten könnte. Aber so wie es gerade eben ist, möchte man zu diesem einmaligen Augenblick im Theater einfach nur sagen: Verweile doch.