"Merkwürdige Leute gibt es hier!", staunte der Chor wie immer zu Beginn - und hatte am Sonntag besonderen Grund. Nach 42 Jahren mit der "Carmen"-Regie von Franco Zeffirelli hat nun jene von Calixto Bieito an der Staatsoper Einzug gehalten, und sie ersetzt das vertraute Postkarten-Idyll durch trostlose Aussichten. Bizets Opernhit ist nun in einem Landstrich angesiedelt, in dem Kinder betteln statt spielen, Soldaten grimmig Maschinengewehre schultern und Schmuggler keine romantischen Lagerfeuer abhalten, sondern in einem abgewetzten Mercedes zur Flasche greifen. Wohl bekomm’s, diese Welt ist hässlich genug! Eine Telefonzelle, eine Fahnenstange, mehr gibt’s anfangs nicht. Nicht einmal die Zigarettenfabrik, in der Carmen arbeitet. Dafür hängt eine dicke Nebelwolke über der Szenerie: Womöglich ein Fingerzeig, dass in dieser öden Gegend nur das Tabakgeschäft floriert.

Kein starker Tobak

Trotz dieser Bilder: Calixto Bieito, Enfant terrible der Nullerjahre, hat mit seiner "Carmen" keinen starken Tobak geschaffen, sondern eher Regietheater der milden Sorte. Die drei Opernstunden, dem Vernehmen nach im Spanien der Franco-Diktatur angesiedelt, lockern ihre Schäbigkeit durch Schauwerten auf, die nostalgisch auf die 70er Jahre verweisen und zuweilen auch einen Hauch von Olé!-Folklore gestatten. Vor allem bürstet Bieito die Geschichte nicht gegen den Strich. Keine Carmen, die ihren Liebhaber Don José erschösse. Handlung findet wie gehabt statt.

Dieses Schauspiel wirkt nur leider mitunter etwas detailarm - und oft so konventionell, dass die Ausstattung darob zum Beiwerk verkommt. Nur hier und da verbinden sich Personenregie und Szene zu stimmigen Aktionen - etwa, wenn Don José und die ihm zugetane Micaëla gemeinsam Fotos für die ferne Mutter im Dorf schießen. Überhaupt bleiben starke Bilder Mangelware. Ist zwar imposant, wenn die Massen frontal an der Rampe einen Torero-Einzug bestaunen, den nur sie sehen - für Opernveteranen jedoch eine überraschende Erinnerung an die "Carmen" von Jean-Pierre Ponnelle.

Bieitos Regie, selbst bereits 22 Jahre alt, stört nicht, sie empört nicht, sie besitzt aber auch nicht das gewisse Etwas. Dennoch - oder wohl gerade darum - tingelt sie seit Dekaden durch die Opernwelt und wird nun auch in Wien unter Neo-Direktor Bogdan Roščić heimisch. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ein Regie-Oldie hier einen -Methusalem beerbt.

Intensität für die Ohren

Musikalisch steht der Abend jedoch weit über einem Allerweltsniveau: Die Premiere vor (nahezu) leeren Reihen, vor zwei Wochen noch wegen positiver Coronatests verschoben und nun via Streaming und ORF III übertragen, begeistert durch ein kraftvolles und stimmiges Ensemble.

Überwältigend Anita Rachvelishvili, jüngst selbst von einer Corona-Infektion genesen. Die Georgierin umgurrt ihren Don José mit dunkel-lockenden Tönen, befeuert ihre Bravourarien mit der Kraft von mindestens drei Carmens und verleiht ihren Zornesschüben vulkanische Wucht.

Daneben kann eigentlich nur ein Don José bestehen, der im wirklichen Leben Piotr Beczała heißt. Und der Pole ist als Edel-Einspringer auch wirklich zur Stelle und liefert einen weiteren Beweis seiner Marktführerschaft unter den Tenören. Selbst unter Hochdruck beschert seine Stimme verlässlich Klangpracht und vermittelt jene Inbrunst, die den braven Soldaten letztlich in einen Eifersuchtsmörder verwandelt - eine Stimme wie glühendes Flüssigmetall. Erwin Schrott hält als Nebenbuhler Escamillo viril mit, singt die Gockelrolle gewohnt lässig, etwas neben der Ideallinie, aber rollendeckend selbstverliebt. Und die Micaëla von Vera-Lotte Boecker? Legt die Blässe der braven Landpomeranze ab, sobald sie ihren Sopranklang im Kampf mit der Konkurrentin Carmen intensiv zuspitzt. Nicht zu vergessen der Wohlklang von manch kleiner Rolle, wie der wuchtige Zuniga von Peter Kellner und die prächtige Mercédès von Szilvia Vörös.

Hausdebütant Andrés Orozco-Estrada leitet Staatsopernchor und Orchester mit sicherer Hand, zwar ohne dabei das Optimum aus dem musikalischen Emotionsfluss herauszuholen, aber mit einnehmender Finesse in den sanften Passagen. Hut ab jedenfalls vor einem Sängerfest, das Wiens Opernfreunde hoffentlich eines Tages live im Saal berauscht.