In diesem Artikel wird es bald voller Klischees wimmeln. Nur so als Warnung: Vorurteile zum Kopfschütteln, zum Empören und Skandalisieren und manch harmlose werden vielleicht ein Schmunzeln verursachen. Aber nur vielleicht. Am eigenen Leib erfahren und zumindest miterlebt ist in den 90ern und 00er Jahren jedes dieser Klischees, die vor #meetoo und vor Black Live Matters auf der Tagesordnung standen. Heute noch sind Rassismus, Ethnoklischees und Diskriminierung nicht aufgearbeitete Themen, wie die jüngsten Ereignisse zu erkennen geben. Laut ausgesprochen wurden sie bisher äußerst selten, denn die Welt der Kunst ist doch tolerant und gar nicht voreingenommen. Heißt es nicht so? Wirft man jedoch einen Blick hinter die Kulissen beim Ballett, geht es da wahrlich tolerant und rassismusfrei zu? Offensichtlich nicht.

Weiß, weiß, weiß

Paris und Berlin: Dort begannen farbige Tänzerinnen und Tänzer die sakrosankte Ästhetik des Balletts nicht nur zu hinterfragen. Sondern sie sogar zu sprengen.

Um die Brisanz dessen zu verstehen, muss man wissen, was traditionelles Ballett bedeutet: Das romantische Ballett mit seinen "weißen Akten", ja, sie heißen wirklich so, ist, korrekt vermutet: eben weiß. Der weiße Akt besteht aus Tänzerinnen, die in ganz kurzen Tutus - wie in "Schwanensee", oder wadenlangen Tutus, wie in "Giselle", verzauberte übernatürliche Wesen darstellen. Zu den weißen Tutus werden sehr helle Strumpfhosen (manchmal weiß, manchmal rosa) und in der gleichen Farbe Spitzenschuhe getragen. Strumpfhose und Schuhe müssen in der gleichen Farbe sein, denn das soll eine optische Verlängerung der Beine imaginieren.

Uniform und synchron

Man stelle sich nun vor: Vom Zuschauer aus gesehen, betritt von rechts hinten ein Schwan nach dem anderen mit exakt der gleichen Schrittsequenz die Bühne, bis 32 Tänzerinnen mit weißen Federtutus in Schlangenlinien an der Rampe angekommen sind und in strahlendem Weiß die Bühne füllen. Kein Laut ist in dieser Szene aus dem Publikum zu hören. Die Gleichheit in grazilem uniformem Aussehen und synchronen Bewegungen überschwemmt den Zuschauerraum. Genau dieses Bild ist der Inbegriff des klassischen Balletts. Wobei das Narrativ des "Schwanensee" nicht im Geringsten einen Interpretationsspielraum für Rassismus bietet: Der Schwan steht hier, wie auch bei Richard Wagners "Lohengrin", als Metapher für das Reine, die Unschuld im Kampf gegen das Böse. Wobei: Es gibt ja schwarze Schwäne auch. In der Natur ohnedies und im Tanz-Klassiker von 1877 ebenso: Es ist der böse schwarze Schwan, der als Doppelrolle der Ersten Solistin, die vor allem die Rolle des weißen Schwans tanzt, festgeschrieben ist. Womit wieder Weiß dominiert.

Weiß in Weiß: Szene aus dem "Schwanensee" des Wiener Staatsballetts aus dem Jahr 2014. Die Hauptrolle der Odette tanzte Olga Esina. - © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn
Weiß in Weiß: Szene aus dem "Schwanensee" des Wiener Staatsballetts aus dem Jahr 2014. Die Hauptrolle der Odette tanzte Olga Esina. - © Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

Tänzerinnen aus China, Japan und Thailand haben es hier nicht schwer, denn sie passen in das erwartete helle Erscheinungsbild. Doch Persons of Color, also farbige Tänzerinnen? Weiße Ganzkörperschminke? Wobei erwähnt sein sollte, dass sich früher sogar hellhäutige Tänzerinnen ebenfalls weiß schminken mussten, um diesen Schwaneneffekt noch zu verstärken.

Aber zurück zum sogenannten Whitefacing, wie man es heute versteht und zur Black-White-Yellow-Facing-Diskussion, der sich das Ballett seit der zweiten Hälften des 20. Jahrhunderts stellen sollte. Das in der noch gar nicht so weit entfernten Vergangenheit praktizierte Blackfacing, zählt heute zu den absoluten No-Gos. Selbst wenn man die politische Unkorrektheit außen vor lässt, ist der persönliche Aufwand des einzelnen Tänzers enorm und nicht zuzumuten: Etwa den ganzen Körper für eine "Moretti"-Szene in "Aida" dunkelbraun zu färben und wieder zu entfärben, dauert vor und nach der Vorstellung gefühlte Ewigkeiten, und wenn man sich danach obendrein noch als "Ägypterin" zumindest nur ein wenig dunkler schminken muss, erleidet man dieses Prozedere gleich zwei Mal am gleichen Abend. Als "Spanierin" in "Carmen" blühte einem dieses Schicksal wenigstens nur einmal pro Vorstellung. Doch das ist Vergangenheit. Wie es auch das Whitefacing unbedingt sein sollte.

In den USA kein Thema

Klischees, wie das der athletische und muskulöse Körperbau von schwarzen Tänzerinnen und Tänzern würde nicht in die Ästhetik des klassischen Balletts passen, hat man heute hinter sich gelassen, ebenso wie das Vorurteil, asiatische Tänzer hätten zu kurze Hälse und Beine.

Doch weshalb kämpfen schwarze Tänzerinnen in Europa immer noch um Gleichberechtigung, während in den USA, etwa beim renommierten American Ballet Theater, Erste Solisten wie Misty Copeland die großen Rollen des klassischen Balletts tanzen? 2015 verkörperte die Schwarze erstmals die Hauptrolle in "Schwanensee". Eine Sensation war es schon - wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand darüber gesprochen wurde.

In Berlin ist es Chloé Lopes Gomes, die erste schwarze Tänzerin des 91-Personen-Ensembles des Staatsballetts Berlin, die jüngst ihrer Kompanie schwere Vorwürfen des Rassismus und damit internationale Schlagzeilen machte. Sie habe wiederholt rassistische Kommentare von der Ballettmeisterin gehört. "Sie sagte, das Staatsballett hätte mich nicht engagieren sollen, weil ich eine Schwarze bin", so die Französin. Eine Schwarze in einem Corps de ballet sei nicht ästhetisch, nicht homogen, wurde ihr gesagt. Für eine "Schwanensee"-Vorstellung sei sie aufgefordert worden, sich weiß zu schminken. Sie fügte sich, sagte aber der "New York Times", sie habe sich "gedemütigt" gefühlt.

Damit nicht genug, gab es für sie auch keine Haarstylistin, denn mit Afrohaaren kannte man sich nicht aus, so die Tänzerin in einem Interview: "Wir hatten noch nie solche Haare wie deine hier", gab, laut Gomes, eine Stylistin zu. "Wir wissen nicht, was wir damit machen sollen." Das sei erniedrigend, meint Gomes in dem Interview, "da es mir das Gefühl vermittelte, weniger wert und absonderlich zu sein". Der Vertrag der 29-jährigen Ensembletänzerin wurde nicht verlängert. "Überholte und diskriminierende Aufführungsweisen" sollen aufgedeckt und Traditionen neu bewertet werden, erklärte das Staatsballett Berlin auf seiner Website. "Wir sind uns bewusst, dass das Ballettgenre People of Color im Laufe seiner Geschichte marginalisierte." Die Kompagnie wolle ein Spiegel der Gesellschaft sein. Das Repertoire müsse Diversität abbilden.

Die französische Balletttänzerin Chloé Lopes Gomes ist das erste schwarze Kompagnie-Mitglied des Staatsballetts Berlin. Sie erhob schwere Rassismus-Vorwürfe. - © afp / Odd Andersen
Die französische Balletttänzerin Chloé Lopes Gomes ist das erste schwarze Kompagnie-Mitglied des Staatsballetts Berlin. Sie erhob schwere Rassismus-Vorwürfe. - © afp / Odd Andersen

Auch in Paris beschäftigt man sich mit Diversität und Rassismus: Dem neuen Generaldirektor der Pariser Oper, Alexander Neef, wurde im Herbst letzten Jahres das Manifest "De la question raciale à l’Opéra de Paris" (siehe unten) überreicht, verfasst von den Künstlern des Hauses inklusive der Ballettkompagnie, die zu den renommiertesten weltweit zählt. Es prangert Diskriminierung, Rassismus und einen sorglosen Umgang mit Klassikern an, wie neben den bereits erwähnten, werden auch exotisch kolorierte Repertoirestücke wie "La Bayadère" angeführt.

Ballett als Politikum

Neef gab daraufhin einen Prüfbericht in Auftrag. Dessen Ergebnis: "Diversität ist das große Manko." Dies könnte eine Revolution der klassischen Tanzkunst nach sich ziehen. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen, Vorsitzende des Rassemblement National, machte im Jänner gegen die antirassistischen "Pseudo-Progressisten" an der Pariser Opern- und Ballettspitze mobil. Rechtspopulist Robert Ménard twitterte: "Wir haben die Schnauze voll von den Capricen dieser Minderheiten! Man muss die Auslöschung unserer Kultur endlich ausbremsen." Diese Engstirnigkeit ließ das Ballett in Frankreich zum Politikum werden.

Beim Wiener Staatsballett hat mit Martin Schläpfer sowieso eine neue Ära begonnen: Er schätzt die Individualität seiner Tänzer.

Schwarze Tänzer und Tänzerinnen sind auch heute in den meisten Kompanien selten. Die Werktreue ist eine der zahlreichen Argumentationen. Doch muss man "Schwanensee" heute noch so inszenieren wie anno dazumal? Mats Ek oder Martin Schläpfer haben die Antworten darauf.