Die Zahl ihrer Follower ist beeindruckend, sie verfolgt sich selbst mit der Kamera in jeden Winkel ihres Lebens, die Welt liegt ihr zu Füßen. Von der glitzernden Party bis zum Arztbesuch - Violetta Valéry führt ein Leben in der und für die Öffentlichkeit. Die Aufmerksamkeitsökonomie hat sie ganz nach oben gespült, Influencerin würden wir sie heute wohl nennen. Die eigene Privatheit, ja Intimität zum Markt zu tragen und dafür ein Leben in Luxus zu genießen - die Konzepte der Kurtisane der Pariser Salons und der It-Girls auf der Bühne der Sozialen Medien trennen außer knappe zwei Jahrhunderte nicht viel.

Das zeitgemäße Bild, das Regisseur Simon Stone für seine "Traviata" an der Wiener Staatsoper gefunden hat, ist absolut treffend. Auch der Rückzug Violettas aufs Land mit ihrer Liebe Alfredo passt ins Bild, selbst Wein stampfen, Traktor reparieren - digital Detox heißt das heute.

Zugetextet mit Banalität

Ihre Liebe beginnt im Glitzer-Rausch: Violetta (Pretty Yende) und Alfredo (Juan Diego Flórez). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Ihre Liebe beginnt im Glitzer-Rausch: Violetta (Pretty Yende) und Alfredo (Juan Diego Flórez). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Und doch kippte die Premiere der in der leeren Oper vor einer Handvoll Journalisten aufgezeichneten Neuproduktion am Sonntag in die Schattenseiten dieser Aktualität. Die Drehbühne von Bob Cousins, ein Würfeleck, innen weiße Box, außen gigantische Videowand, ist technisch beeindruckend. Die darauf gezeigten überdimensionalen Fotos, die die Geschichte des Paares illustrieren, stimmen noch. Die riesig projizierten Kurznachrichten-Dialoge und Schlagzeilen aus Boulevard-Blättern jedoch überladen die Geschichte der an gesellschaftlichen Zwängen scheiternden Liebe. Hier stülpen sich Emojis über Emotionen, wird ein zeitloser Opernstoff trivial zugetextet. Die mitunter erdrückende Dominanz des Visuellen, die diese Produktion damit erfährt, mag ein Kind unserer Zeit sein. Mit ihr kippt die Vergegenwärtigung des Stückes jedoch in seine absolute Banalisierung.

Absolute Stimmkultur: Juan Diego Flórez. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Absolute Stimmkultur: Juan Diego Flórez. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Eine Liebesszene im Hinterhof zwischen Müllcontainern und rauchendem Party-Personal, ein etwas steriles Landleben mit Heuballen und Holzfällerhemd sowie ein Finale im Krankenhaus bei der Chemotherapie: Hier schadet das allzu nahe Einbetten der Schauplätze in unsere Lebenswirklichkeit dem Stoff mehr und raubt ihm jede Metaebene - gestrandet in den Niederungen der Normalität. Das macht diese "Traviata" emotional nicht zugänglicher, sondern entzaubert sie durch Distanzlosigkeit. Hier ist eine - zugegeben brillante - Regieidee wichtiger als das stimmige Erzählen einer starken Geschichte.

Digital Detox mit Heuballen und Traktor: Violetta (Pretty Yende) auf dem Lande. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Digital Detox mit Heuballen und Traktor: Violetta (Pretty Yende) auf dem Lande. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Was jedoch mehr erstaunt: Stone verliert sich derart in den visuellen Spielereien, dass er diesmal die Personenführung - für seine Verhältnisse - ungewohnt vernachlässigt. Die Chorszenen gelingen üppig ausgestattet (Alice Babidge), jedoch statisch. Auch die Beziehung Violetta-Alfredo bleibt seltsam schablonenhaft.

Mit der gesellschaftlichen Moral kommt die Kirche ins Spiel: Violetta Valéry (Pretty Yende) trifft auf Giorgio Germont (Igor Golovatenko). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Mit der gesellschaftlichen Moral kommt die Kirche ins Spiel: Violetta Valéry (Pretty Yende) trifft auf Giorgio Germont (Igor Golovatenko). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Wie Repertoire-tauglich die vielen, ganz auf die Solisten zugeschnittenen Video- und Bildprojektionen (Zakk Hein) sind, ist da nur eine technische Frage. Kurzfristig einspringen wird da kaum möglich sein.

Vertrauen in die Kraft des Stückes, genauer in die Partitur hat auch Dirigent Giacomo Sagripanti nicht besonders viel. Seine Lesart ist äußerst fein gestaltet, präzise musiziert und setzt auf starke Kontraste. Er hält Verdi dabei jedoch an der kurzen Leine. Kontrolle ist ihm bei seinem Debüt an der Wiener Staatsoper wichtiger als Hingabe. Den Spannungsbogen kann er dabei nicht immer aufrechterhalten, sein an sich solides Dirigat bleibt dabei über weite Strecken Stückwerk.

Violetta (Yende) und Alfredo (Flórez) im tragischen Finale in der Nüchternheit eines Krankenhauszimmers. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Violetta (Yende) und Alfredo (Flórez) im tragischen Finale in der Nüchternheit eines Krankenhauszimmers. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Solitäre Solisten

Die Sänger durch die Partitur zu tragen, ist seine Herangehensweise nicht: Sagripanti öffnet ihnen vielmehr Räume, die sich jedoch mitunter als etwas einsam erweisen. Was diese Premiere dennoch zu einem absolut gelungenen Opernabend macht, sind Sänger, die es verstehen, eben jene Klangräume nicht nur zu gestalten, sondern gänzlich auszufüllen. Juan Diego Flórez mit seinem höchst kultivierten und technisch solitärem Tenor als ein sympathisch schüchterner und zurückhaltender Alfredo; Igor Golovatenko als sein vokal schlagkräftiger, bodenständiger und nur aus Verzweiflung das Drama auslösender Vater Giorgio Germont. Allen voran aber die südafrikanische Sopranistin Pretty Yende in der Titelpartie. Nicht nur, dass sie von Akt zu Akt sicherer wird, ja aufblüht: Sie besticht durch absolute vokale Präsenz und Flexibilität. Ihre Violetta ist elegant wie expressiv, stark wie zerbrechlich, findet immer die rechte Balance zwischen Dramatik und Lyrik und trägt auch als Darstellerin jede Szene. Ein schlichtweg traumhaftes Rollendebüt. Dass ebendieses im leeren Haus nicht von Applaus umbrandet endete, sondern in Stille verklang, ist wohl der bedrückendste Moment dieser Produktion.