"Streamen gegen die Einsamkeit": Am 16. März 2020, dem ersten Tag jenes unverhofften Lockdowns, der das öffentliche Leben weitestgehend zum Erliegen brachte, verschickte das Aktionstheater seinen ersten Online-Spielplan. Inzwischen gehört Streamen zum Corona-Alltag, aber vor einem Jahr war das Aktionstheater eine der ersten Bühnen überhaupt, die einen virtuellen Spielplan etablierten. Mehr als 62.000 Besucher loggten sich weltweit ein, in Inszenierungen wie "Pension Europa" und "Kein Stück über Syrien". "Wir waren geplättet", sagt Aktionstheater-Leiter Martin Gruber im Gespräch mit der "Wiener Zeitung": "Für eine freie Gruppe sind das unglaubliche Zuschauerzahlen. Das hat uns gutgetan, vor allem in der ersten Zeit des Lockdowns, als wir sonst nicht viel machen konnten."

2020 war für das Aktionstheater, eine der innovativsten heimischen Theaterformationen, das Jahr des Umplanens: "Wir haben versucht, zu verschieben, was nur geht." Aber nicht alles lässt sich nachholen. Die prestigeträchtige Einladung zum Acco-Theaterfestival in Israel war etwa unwiederbringlich verloren. Für Gruber noch immer bitter.

Ein Jahr voll von Planungsunsicherheit und Absagen hat auch die Schauspielerin und toxic-dreams-Performerin Anna Mendelssohn hinter sich: "Ich bin 2020 viel weniger auf der Bühne gestanden als sonst." Als die Bühnen im Herbst 2020 kurzfristig ihren Betrieb wieder aufnahmen, überschnitten sich mitunter die Auftrittstermine, sodass Mendelssohn manches sogar absagen musste. "Das war absurd." Beruflich markierte 2020 für die Aktrice einen Wendepunkt, der ausnahmsweise nichts mit Corona zu tun hatte: Die 44-Jährige eröffnete im Herbst eine Praxis als Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. "Für mich war 2020 kein ausschließliches Jahr des Schreckens. Ja, es gab Unsicherheiten und frustrierende Momente, ich erlebte aber auch viel Solidarität und Zusammenhalt."

"Ein ver-rücktes Jahr"

"Dieses Jahr war verrückt, im doppelten Sinne: Es war crazy, und vieles hat sich buchstäblich ver-rückt, beruflich wie privat", sagt wiederum Maria Spanring. Die Schauspielerin ist Gründungsmitglied der Theatergruppen TWOF2 und Aliasrosalie, die seit 2008 vorwiegend im Kinder- und Jugendtheaterbereich tätig sind. "Im März 2020 mussten wir eine Premiere in Bern auf 2021 verschieben", sagt Spanring: "Wir wissen noch immer nicht, ob das Projekt stattfinden wird."

Zumindest finanziell kamen Gruber, Mendelssohn und Spanring halbwegs über die Runden. Das Aktionstheater bezieht eine Jahressubvention; projektbezogene Gagen wurden bezahlt. "Wir haben sämtliche Anträge eingereicht, harren der Dinge", sagt Aktionstheater-Chef Gruber. "Ich habe dankbar die Unterstützung der Künstlersozialversicherung in Anspruch genommen", bekennt Mendelssohn: "Damit war 2020 für mich nicht existenzbedrohend." Maria Spanring will ebenfalls nicht klagen: "Verglichen mit anderen Ländern, wo Künstlerinnen und Künstler sich über Beihilfen in dreistelliger Höhe freuen, kam ich erstaunlich gut durch das Jahr, obwohl meine Steuerberaterin nicht nur einmal fragte: ,Wie kommen Sie nur mit so wenig Geld aus?‘"

Die Maßnahmen der Kulturpolitik sollten jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass in der Corona-Krise Missstände sichtbar wurden, die bereits lange zuvor virulent waren: die prekäre Arbeits- und Lebenssituation vieler Kunstschaffenden in der freien Szene, die fehlende Absicherung und Altersvorsorge. "Die freie Szene war noch nie ein Arbeitsfeld, in dem man eine sichere Existenz führen konnte", urteilt Mendelssohn: "Mit gutem Grund kämpft die Szene schon lange für ein Fair Pay, für einen Mindestlohn bei Gagen."

Martin Gruber findet, dass die Zeit endlich reif sei für ein grundsätzliches Umdenken in Richtung bedingungsloses Grundeinkommen. Gruber führt sein Aktionstheater seit über 30 Jahren, Corona ist nicht die erste Krise, die er mit seiner Truppe übersteht. "Wir können nicht klagen: Das Publikum ist uns treu geblieben."

Dagegen lassen Zukunftsängste die Nachwuchs-Theatermacherin Maria Spanring zuweilen schlecht schlafen: "Wie tiefgreifend ist der Schaden, der durch Corona entsteht? Werden wir wieder dort anknüpfen können, wo wir zuvor waren? Müssen wir alles neu denken? Werden Kultureinrichtungen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, die Krise überleben?" Die Zukunft? Mehr als ungewiss. Die Aussichten? "In jeder Wirtschaftskrise wird zuerst bei Kultur und Bildung gespart."

Die Sorge um ihre Branche hat in der Barock-Oboistin Ana Inés Feola das Engagement geweckt: 2020 weitgehend zum Müßiggang verdammt, hat sie im Juni die IG Freie Musikschaffende (IGFM) mitbegründet. Der Verein hat unter anderem Mindesthonorar-Empfehlungen erarbeitet und setzt sich dafür ein, dass die Einhaltung dieser Richtwerte zur Voraussetzung für öffentliche Subventionen wird. Derzeit steht freilich ein anderes Thema auf dem Tapet, nämlich die Corona-Hilfen. Feola lobt das mittlerweile gut geknüpfte Sicherheitsnetz für darbende Künstler, ortet aber auch Lücken. "Es gibt weiterhin viele Musiker, die durch dieses Netz fallen, vor allem Studierende und junge Absolventen."

Sie selbst bezieht jene Zuwendungen, die versicherte Künstler seit Juli über die SVS (Sozialversicherung der Selbstständigen) beantragen können, und will nicht über ihre Finanzlage klagen. Die Zeit sei aber mental schwierig. "Man hat genug Geld zum Überleben, sitzt aber rund ein Jahr daheim. Da überlegt man schon manchmal, ob man sich nicht lieber etwas anderes suchen sollte."

Zum Spielen ist Feola, die unter anderem für die Wiener Akademie, das Bach Consort und deutsche Klangkörper arbeitet, tatsächlich nur wenig gekommen: Zwischen dem Lockdown vom Frühling und jenem im Herbst hat die Oboistin lediglich an einer Handvoll Projekten mitgewirkt. "Ich habe zwar immer wieder Anfragen bekommen, aber dann schon wieder Absagen oder Verschiebungen - die ich noch schlimmer finde." Warum das? "Bei einer Absage weiß man immerhin, woran man ist. Jetzt habe ich im Kalender etliche Termine für 2022 stehen . . . nun, wir werden ja sehen."

Glück im Unglück hatte Doris Nicoletti: Als das Coronavirus die Konzertsäle im März 2020 zu einer Generalpause zwang, befand sich die Flötistin mit ihrem Baby daheim. "Das hat mir viel Stress erspart, auch weil ich Karenzgeld bekommen habe." Wer denkt, die Holzbläserin habe seither ihr Instrument ruhen lassen, irrt. Ab Sommer habe sich die Auftragslage stark gebessert, obwohl Nicoletti in der Nische der zeitgenössischen Musik arbeitet. Als ständiges Mitglied der Ensembles Phace und Studio Dan habe sie "zwischen August und November sehr viel gespielt, ich denke, wir verdanken das nicht zuletzt der Initiative unserer Leiter." Auch mit Beginn des Herbst-Lockdowns war Nicoletti nicht zum Trübsal-Blasen verdammt. Die Festival-Termine bei Wien Modern fanden via Streaming statt, und als Studio Dan einen Termin in der Elbphilharmonie verlor, bekam die freie Gruppe von dem Konzerthaus zur Entschädigung die Produktion eines Kurzfilms spendiert. "Ich bin vergleichsweise gut gefahren", resümiert Nicoletti. Die Krise treffe wohl eher jene freien Künstler, "die sich alles selbst organisieren müssen", als die Mitglieder von "Ensembles, die dank Jahresförderungen ein festes Budget besitzen und engagierte Leiter haben".

Jazzpianistin Julia Siedl. - © Julia Siedl
Jazzpianistin Julia Siedl. - © Julia Siedl

Auch Julia Siedl traf der Beginn der Corona-Krise nicht mit voller Wucht: Die Jazzpianistin befand sich ebenfalls in einer Babypause. "Ich habe meine Karenzzeit verlängert, konnte mit meinem Kind daheimbleiben und habe mein Masterstudium fortgesetzt - ich habe die Zeit optimal genutzt." Die Unterstützung über die SVS sei "gut organisiert", zudem hat Siedl einen Kompositionsauftrag der Gemeinde Wien erhalten. Und: Sie hat die Zeit zur Selbstreflexion verwendet. "Ich habe davor rund 150 Konzerte pro Jahr gespielt. Jetzt hatte ich Gelegenheit, die Priorität meiner verschiedenen Projekte neu zu ordnen."

Nach zwölf Monaten - mit nur einer Handvoll Streaming-Terminen im Kalender - lodert freilich auch in Siedl die Sehnsucht nach der Bühne: "Ich merke, wie stark mir das Live-Publikum abgeht, wie sehr der Austausch mit Kollegen fehlt und die Inspiration, die sich damit verbindet. Musik ist Kommunikation." Also hofft Siedl auf eine baldige Freigabe der Bühnen. Sie ahnt aber, dass der Wiederbeginn schleppend verlaufen dürfte, gerade für Freelancer: "Wenn du oft spielst, kommen laufend weitere Termine hinzu - es ist ein organischer Fluss, den die Corona-Krise abgewürgt hat. Er wird nach dem Neustart wohl erst allmählich wieder Fahrt aufnehmen."