Jef geht." Mit diesem enigmatischen Satz, zigfach wiederholt, beginnt der Theaterfilm "Yellow". Die Szenerie ist in Schwarz-Weiß gehalten, die Kostüme zitieren die 1930er Jahre, Männer mit strammen Stutzen, Frauen mit strenger Zopffrisur. Nach und nach offenbart sich, wohin Jefs Reise führt: Er schloss sich der Flämischen Legion an, um mit den Nazis an der Ostfront zu kämpfen. Seine Briefe, aus denen ausgiebig zitiert wird, enden stets mit "Hou Zee", dem Gruß der NSB, der Nationalsozialistischen Bewegung in den Niederlanden.

Jefs Frontbriefe spannen einen chronologischen Bogen von der Aufbruchstimmung der flämischen Freiwilligen, die bedingungslos an das Organisationstalent der Deutschen Wehrmacht glaubten, bis hin zu den schrecklichen Gräueln des Russlandfeldzugs, bei dem nicht nur die flämische Legion zerrieben wird. Regisseur Luk Perceval führt mit "Yellow" seine Trilogie "The Sorrows of Belgium" fort. Die Theaterabende setzen sich jeweils mit dunklen Kapiteln der belgischen Geschichte auseinander: In "Black", das 2019 in St. Pölten gastierte, ging es um die blutige Kolonialgeschichte. "Yellow", die jüngste Koproduktion zwischen dem Landestheater Niederösterreich und dem Genter Nationaltheater, verarbeitet die Nazi-Kollaboration der flämischen Minderheit in Belgien.

In Peter van Kraaijs fesselndem Stück lässt sich Aufstieg und Niedergang der flämischen Nationalsozialisten am Beispiel eines Familienzwistes besichtigen: Jefs nationalistisch verblendete Schwester und der fanatische Onkel verbünden sich gegen seinen Patenonkel, der eine Jüdin im Keller versteckt und deswegen inhaftiert wird, zwischen den Fronten mäandert die sorgenvolle Mutter.

Als Nebenfiguren treten der österreichische Kriegsverbrecher Otto Skorzeny (dargestellt von Philip Leonhard Kelz, Ensemblemitglied am Landestheater NÖ) und dessen Freund, der flämische SS-Offizier Leon Degrelle (Valéry Warnotte) in Erscheinung. Die Krawallbrüder setzen sich am Ende, als die Familie Goemmaere Jefs Tod betrauert, nach Argentinien ab.

Abgesang

Der spröden und ernsthaften Textvorlage begegnet Regisseur Perceval mit erstaunlich viel Pathos, wehenden Fahnen, Theaterschnee und Trommelwirbel. Im Zentrum des Bühnenbilds von Annette Kurz steht ein großer Tisch voll mit familiärer Memorabilia, hier versammelt sich die zerrüttete Familie, um das Für und Wider der flämischen Kollaboration zu verhandeln.

Der epische Abgesang wird von Tanzeinlagen unterbrochen, das verhilft der knapp zweistündigen Aufführung zwar zu einer gewissen Dynamik, driftet mitunter aber doch zu sehr in Spring- und Stampf-Gaudi ab. Da "Yellow" als perfekt komponierter Theaterfilm funktioniert, mit vielen Close-ups und Schnitten, lässt sich schwer abschätzen, wie der Theaterabend live wirken würde. Das größte Kapital des Unternehmens ist wohl die Mehrsprachigkeit, das Ensemble spricht wahlweise Flämisch, Französisch und Deutsch, übersetzt mit Untertiteln. Das verleiht den Figuren eine völlig neuartige Authentizität. Herrliches Stimmengewirr, phänomenales Aneinandervorbeireden. Mehr davon!