Es sind eindringliche Klanggebilde, in denen die dichten Themen sich wie Blöcke auseinander schälen, sich aufeinander türmen. Trotz ihrer Monumentalität werden sie nie monoton, werden lebendig gehalten von einer feinen Dynamik, die sie durchzieht und immer wieder neu belebt. Diese tönenden Räume sind durchzogen von einer rätselhaften Dringlichkeit, bilden einen dunklen Malstrom der emotionalen Essenz menschlicher Abgründe. Die Singstimmen sind darin verwoben wie die Klang gewordene Spur des namenlosen Dramas, des schmerzvollen Grenzganges dessen, was der menschliche Geist zu ertragen im Stande ist.

Es waren diese mitreißenden tönenden Gebilde Sergei Prokofjews, die am Montagabend im Theater an der Wien im Zentrum standen, als das Haus einen Aufzeichnungstermin von "Der feurige Engel" für Journalistinnen öffnete. Dass die musikalische Seite der Produktion diese Intensität erreichte, lag auch an Constantin Trinks am Pult des kompakten, präzisen Radio-Symphonieorchesters Wien, der all die lodernde Abgründigkeit der Partitur zum Glühen brachte, ohne dabei die Balance oder sich in den Klangmassen zu verlieren. Auch die Sänger integrierte Trinks klug in diesen expressiven Strom: Allen voran die sich unter unglaublichem körperlichen Einsatz an die Partie hingebende Ausrine Stundyte als Renata und der stets intensive, vokal wie szenisch präsente Bo Skovhus als Ruprecht.

Mehr Kreaturen als Menschen: Nikolai Schukoff (Mephistopheles, vorne), Ausrine Stundyte (Renata, rechts) und die Damen des präzisen Arnold Schoenberg Chors. - © Bernd Uhlig
Mehr Kreaturen als Menschen: Nikolai Schukoff (Mephistopheles, vorne), Ausrine Stundyte (Renata, rechts) und die Damen des präzisen Arnold Schoenberg Chors. - © Bernd Uhlig

Düstere Dämonen

Das Irrlichtern an der Grenze von Realität und Magie, Vernunft und Wahn, Begehren und Keuschheit durchzieht Prokofjews selten gespielte Oper. Seine düster lodernden Klangräume haben es auch Regisseurin Andrea Breth angetan - deutlich mehr als die ebenfalls mysteriös bleibende Handlung. Breth hat die Geschichte aus dem 16. Jahrhundert in eine lose Gegenwart geholt. Die Visionen der Hauptfigur Renata und ihre Beziehung zu einem ihr erscheinenden Engel hat sie über die ganze Oper gestülpt und siedelt sie in einer Art Gefängnis-Psychiatrie an. Für das Stück Gewinn und Verlust.

Makabere Experimente im Irrenhaus: Agrippa (Nikolai Schukoff, links) und eines seiner Opfer Ruprecht (Bo Skovhus, rechts) - © Bernd Uhlig
Makabere Experimente im Irrenhaus: Agrippa (Nikolai Schukoff, links) und eines seiner Opfer Ruprecht (Bo Skovhus, rechts) - © Bernd Uhlig

Durch das Umkehren der Vorzeichen wirkt Renata umgeben von traurig umnachteten Figuren geradezu normal. Normalität ist relativ, zeigt uns Breth hier, Wahnsinn ist es auch. Mit diesem Zugang hat die Regisseurin weniger die Beziehung Renatas zum sie liebenden und sie retten wollenden Ritter Ruprecht inszeniert; sie hat vielmehr Prokofjews dunklen Klangwelten ebenso eindrucksvolle Bühnen-Räume geschaffen. Alles Märchenhafte hat Andrea Breth verbannt, alles Katholisch-Moralische inklusive Inquisition und Scheiterhaufen ebenso. Damit raubt Breth dem Stoff die Vielschichtigkeit, reduziert das Spiel mit mehreren Bedeutungsebenen. Die Frage, ob es sich um psychotischen Wahn oder religiöse Erleuchtung handelt, kommt gar nicht erst auf.

Irrlichtende Intensität: Natascha Petrinsky (Die Wirtin), Kristján Jóhannesson (Der Wirt), Elena Zaremba (Die Wahrsagerin), Bo Skovhus (Ruprecht) und liegend Ausrine Stundyte (Renata). - © Bernd Uhlig
Irrlichtende Intensität: Natascha Petrinsky (Die Wirtin), Kristján Jóhannesson (Der Wirt), Elena Zaremba (Die Wahrsagerin), Bo Skovhus (Ruprecht) und liegend Ausrine Stundyte (Renata). - © Bernd Uhlig

In den grauen nackten Anstaltsräumen von Bühnenbildner Martin Zehetgruber zeigt Breth zwei Stunden lang das fahle Gesicht menschlichen Grauens. Einzelne Figuren und Motive gemahnen an die Original-Geschichte. Diese stringent zu erzählen, hat Breth jedoch nicht interessiert - ein ohnehin recht aussichtsloses Unterfangen.

Ein intensiver, teils beklemmender Opernabend, bei dem mehr das emotionale denn das rationale Verstehen dunkel schillernder Seelenlandschaften im Vordergrund steht.