"Diese Begegnung ist wohl die entfernteste, aber auch die intimste. Wir kommen direkt zu ihnen nach Hause. Wie sehr wir die Bühne und unser Publikum vermissen kann ich nicht mit Worten beschreiben", sagt Mei Hong Lin zur Einführung von "Liebesbriefe". Das jüngste Stück der Linzer Tanzdirektorin ist unter dem Sammelbegriff "Netzbühne" bis 10. April auf der Website des Linzer Landestheaters zu sehen. Eigentlich war die Premiere für 6. März geplant, einen Tag vor der Uraufführung hat jedoch Jonatan Salgado Romero das Stück gefilmt, um es nun als Netzpremiere zu veröffentlichen.

Ängste, Sehnsüchte, Einsamkeit und auch Hoffnung möchte die Choreografin in Liebesbriefen an das Publikum, an sich selbst, an die Mitmenschen und an die Welt ausdrücken, sagt Mei Hong Lin vorab. Es sind zehn Miniaturen, die manchmal quietschbunt und humorig, dann wiederum düster und lediglich in raffinierter Lichtregie (Johann Hofbauer) getanzt werden. Leicht entschlüsselbar in deutlichen Aussagen werden Situationen und Emotionen mit denen wir seit rund einem Jahr konfrontiert sind auf die Bühne und in tanzaffiner Bildregie auf den TV-Schirm gebracht.

Yu-Teng Huang in der Miniatur "Wasser", die sich mit Umweltverschmutzung auseinander setzt. - © Vincenzo Laera
Yu-Teng Huang in der Miniatur "Wasser", die sich mit Umweltverschmutzung auseinander setzt. - © Vincenzo Laera

Der rote Faden in diesem 75-minutigen Stream heißt Corona: An Handy-Displays erinnern Stellwände, aus denen sich die Tänzer lösen, um als Teil der Gesellschaft über die Bühne zu zappeln - mit einem QR-Code am Rücken. Später erinnern Kartonboxen an die Einsamkeit und die Isolation in den eigenen vier Wänden. Oder mit Ketten um den Körper geschlungen, geben sich die Performer einem mit einem Netz überzogen Lehnstuhl hin. Es folgen Tänze rund ums Toilettenpapier und auch das Fernweh wird thematisiert: im Hintergrund eine aufblasbare Palme und ein pinker Flamingo-Schwimmreifen, im Vordergrund die weiblichen Performerinnen als skurrile, aufgetakelte Stewardessen auf Stöckelschuhen herumstaksend.

Mei Hong Lin erzählt mit Ironie und Augenzwinkern einfallsreich in Inszenierung und Kostümen (Dirk Hofacker) sowie im abwechslungsreichen Bewegungsrepertoire: Es changiert zwischen zeitgenössischem Tanz, Musical und Akrobatik (weshalb ein Akrobat mit Reifen in diesem Zusammenhang gewählt wurde, ist nicht wirklich nachvollziehbar). Auch die Musik bietet Unterhaltung vom Tonband, die Übergänge sind jedoch manchmal zu forsch gewählt: "Von Eleni Karaidrou, Kolsimcha, Kronos Quartet, Heitor Villa-Lobos und anderen" steht im Programmheft.

Die Performer zeigen enthusiastischen Einsatz: Sie verschmelzen im fließenden und intimen Pas de deux oder zeigen Zusammengehörigkeitsgefühl in den Tutti-Szenen, die in ihrer manchmal zirkusähnlichen Theatralik und Bildkraft in Erinnerung bleiben.