An sich hätte der neue Parsifal der Wiener Staatsoper den Gralsrittern zu Ostern Erlösung bringen sollen - doch Corona hat den Termin torpediert: Ein Infektionsfall legte den Probenbetrieb am Haus für einige Zeit auf Eis. Nun soll die Produktion unter der Leitung von Dirigent Philippe Jordan am kommenden Sonntag für die TV-Kameras und Radio-Mikrofone aufgenommen werden. Die Aufzeichnung gelangt dann allerdings erst am 17. April (19.30 Uhr) auf Ö1 zur Ausstrahlung und ist ab dem Folgetag auf dem Streaming-Kanal Arte Concert zu sehen.

Das Interesse daran ist gewaltig, gestaltet doch niemand anderer als der russische Künstler Kirill Serebrennikow die Regie und Ausstattung des "Bühnenweihfestspiels". Sein Heimatland hat den Regisseur und ehemaligen Leiter des Moskauer Gogol-Zentrums der Veruntreuung von Staatsgeldern beschuldigt, ihn im Vorjahr schuldig gesprochen und zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt. Kritiker orten als Triebfeder hinter dieser Strafverfolgung die bewusste Gängelung eines Unbequemen, der immer wieder an Tabus rührt. Serebrennikow hat in den Vorjahren etliche Monate in Haft und Hausarrest verbracht; mittlerweile darf er sich wieder frei in Russland bewegen, aber nicht ins Ausland reisen.

Regie per Videoschaltung

Die "Parsifal"-Regie ist folglich über zahlreiche Videoschaltungen entstanden, erzählte der 51-Jährige am Mittwoch bei einem Medientermin im Internet mit Dolmetscherin. Ein Kernelement von Serebrennikows Regie: Der Parsifal wird in zwei Lebensaltern auf der Bühnen stehen; Tenor Jonas Kaufmann wird den erfahrenen Gralsritter verkörpern, der Schauspieler Nikolay Sidorenko sein junges Pendant. Die ersten beiden Aufzüge werden als Rückblende erzählt, sagt Chefdramaturg Sergio Morabito und spricht von einem "poetischen Erinnerungsraum".

Überraschend - aber vielleicht auch nicht - ist der Handlungsort der Premiere: Parsifal, die Gralsritter und die rätselhafte Kundry - erstmals dargestellt von Weltstar Elina Garanča - werden in einem düsteren Gefängnis interniert sein. Warum? Serebrennikow hat bei der Wahl des Schauplatzes an das berühmte Gurnemanz-Zitat gedacht "Zum Raum wird hier die Zeit" - ein Gefängnis sei dafür eine denkbar gute Metapher. Die Entscheidung habe aber auch mit seiner persönlichen Geschichte zu tun, lässt er auf Nachfrage durchblicken. "Ich sage nicht, dass ich lange nach diesem Handlungsort gesucht habe", sagt er mit einem Lächeln. Der weitere Verlauf seiner "Parsifal"-Regie ergebe sich "aus der Tatsache, dass die Figuren in einem so dunklen Raum leben." Bedenken, dass dies die Zuschauer vor Rätsel stellen könnte, hat der Künstler nicht. Die Logik der Handlung sei in diesem Rahmen sogar "einsichtiger als in der Rittersgeschichte", denkt er.

"Denkmal der Pandemie"

Insgesamt sieht Serebrennikow seine "Parsifal"-Produktion als eine Art "Denkmal der Pandemie". Die Beschäftigung mit der Wagner-Oper habe "in meinem persönlichen Lockdown begonnen", welchem dann "ein globaler gefolgt ist", spielt er auf die Corona-Pandemie und seine Gefangenschaft gleichermaßen an.

Apropos: Was denkt Serebrennikow über den inhaftierten Oppositionellen Alexei Nawalny? "Jeder Mensch in einem Gefängnis ruft bei mir Mitgefühl hervor. Umso mehr, wenn er ein Mensch ist, der aufgrund seiner Überzeugungen in einem Gefängnis sitzt." Mit Blick auf die Verhältnisse in seinem Heimatland sagt er: "Das System ist schwer, es lastet, es steht in Zusammenhang mit der russischen Geschichte." Das Gefängnis gehöre zu dieser Struktur. Dabei betont er: "Ich habe hier nicht unter so einem Druck gearbeitet, wie ihn das Regime ausüben könnte, wenn es wollte." (irr)