Sein "Good Morning" mit strahlendem Lächeln im Eilschritt zu seinem Workshop war einfach motivierend mitreißend. Nur mit Mühe konnte man dabei mit Ismael Ivo Schritthalten und ihn gleichzeitig mit allen möglichen Fragen über Tanz bombardieren, die er temperamentvoll und doch geduldig beantwortete. Als angehende Tänzerin war es eine Ehre, Lob in seinen Stunden zu bekommen, manchmal war es auch nur in Form eines wohlwollenden Nickens. Seinen ansteckenden Enthusiasmus hat er nie verloren. Auch viele Jahre später nicht, wenn er in seinen Interviews und Impulstanz-Pressekonferenzen den Tanz im Allgemeinen und das Festival im Besonderen mit voller Überzeugungskraft besprach. Sein Leben widmete er voll und ganz dem Tanz. Am Donnerstag, 8. April, ist der brasilianische Choreograf, Startänzer und Impulstanz-Mitbegründer Ismael Ivo im Alter von 66 Jahren an einer Covid-Infektion in seiner Heimatstadt São Paulo überraschend gestorben.

International als Tänzer und Choreograf bekannt

Hierzulande war Ismael Ivo vor allem in Verbindung mit dem Festival und seinen dort gezeigten Performances ein Begriff, doch seine Tänzerkarriere in jungen Jahren spricht für das hohe Niveau seines Tanzschaffens: Geboren 1955 als Sohn eines Bauarbeiters und einer Putzfrau in Brasiliens Metropole São Paulo studierte Ivo in den 1970ern zunächst Sozialwissenschaft und Psychologie sowie Philosophie und Soziologie in seiner Heimatstadt, absolvierte ab 1976 aber auch parallel eine Tanzausbildung im Dance Center Ruth Rachou. 1983 bekam er eine Einladung ans renommierte Alvin Ailey’s American Dance Center in New York City und arbeitet in Folge auf internationalen Bühnen als Tänzer und Choreograf mit Größen wie Marcia Haydée, Johann Kresni oder auch George Tabori. Mit mehr als 50 Stücken und zahlreichen Welttourneen wurde Ivo zu einem der berühmtesten Protagonisten des Tanztheaters.

Gemeinsam mit Karl Regensburger gründete Ismael Ivo 1984 das Impulstanz-Festival, das heute zu den größten Tanzfestivals weltweit zählt. - © Karolina Miernik
Gemeinsam mit Karl Regensburger gründete Ismael Ivo 1984 das Impulstanz-Festival, das heute zu den größten Tanzfestivals weltweit zählt. - © Karolina Miernik

1984 gründete er gemeinsam mit Karl Regensburger die Internationalen Tanzwochen Wien, die zuerst als Workshop-Festival und ab 1988 zum Performance-Festival Impulstanz weiter entwickelt wurden. Heute ist es das größte Tanzfestival Europas. Mit Hoffnung und Leidenschaft habe man es geschafft, den Tanz im damals ausschließlich als Musikstadt begriffenen Wien zu etablieren, erinnerte sich Ismael Ivo 2019 bei der Verleihung des Ehrenkreuzes an diese Zeit: "Es ist möglich. Verliert nie die Hoffnung auf Veränderung!" Auch wurde Ismael Ivo 2013 Gastprofessor am Max-Reinhardt-Seminar. Doch Ivo arbeitete immer international: So leitete er von 1996 bis 2005 das Tanztheater des Deutschen Nationaltheaters in Weimar und zwischen 2005 und 2012 die Sektion Tanz der Biennale Venedig. Zuletzt hatte Ivo 2017 die Leitung des Balé da Cidade de Sao Paulo übernommen, wo er im gleichen Jahr auch zum Co-Intendanten des Opernhauses aufstieg.

Auch für Karl Regensburger, seinem jahrelangen Wegbegleiter beim Impulstanz-Festival, der ständig mit ihm in Kontakt war, ist Ivos überraschender Tod ein schwerer Schlag. "Das Krachen, das Charisma, die Energie und das Positive, das er nie verloren hat, wird fehlen", sagt Regensburger im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Wir sind erschüttert, das tut sehr weh." Gemeinsame Kooperationsprojekte wären geplant gewesen: "Gestern haben wir noch Kataloge für die kommende Ausgabe des Festivals an ihn verschickt, um ihm Energie zu geben", so Regensburger. Er hätte viele seiner Pläne nicht mehr verwirklichen können. So wäre heuer noch das Choreografische Zentrum Ismael Ivo in São Paulo eröffnet worden. "Das war sein Lebenstraum, der nun unerfüllt bleibt".

Reaktionen zum Tod

Betroffen zeigte sich in einer Reaktion Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer (Grüne): "Ismael Ivo hat Wien aus seinem tänzerischen Dornröschenschlaf erweckt und die Vorstellung aus dem 19. Jahrhundert, dass Wien tanzt, erneut Realität werden lassen. [...] Er verstand sein Wirken als Befreiung des Körpers und bereitete damit auch den heute allgemein anerkannten Weg der Inklusion vor. [...] Seine Choreographien waren als Denkmuster zur Erlangung der Freiheit zu verstehen." Auch Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) zollte dem Verstorbenen ihren Respekt: "Der viel zu frühe Tod von Ismael Ivo lässt mich betroffen zurück. Wien verdankt Ismael Ivo so viel. [...] Übersetzt in die emotionalen Zeichen des Tanzes, übertragen von Körper zu Körper, wurde Ivos Wissen fühlbar, begeisterte und berührte die Menschen."  (apa)