Irgendwie erinnert es einen fröstelnd an Alfred Hitchcocks "Die Vögel", aber so schlimm wird es letztlich nicht. Jedoch: Viele Bilder bleiben im Gedächtnis und auch das Frösteln steckt weiterhin in den Knochen.

Zittern vor Kälte. Denn der Sommer ist vorbei, die Krähen haben bereits den Winter angekündigt, der erste Schnee fällt: "Winterreise" heißt Franz Schuberts Gipfel des deutschen Kunstlieds. 1993 bearbeitete Hans Zender (1936-2019) den Zyklus zu "Schuberts Winterreise - eine komponierte Interpretation". Diese Bearbeitung hat wiederum der Ballettdirektor und Choreograf des Züricher Balletts Christian Spuck als bild- und emotionsstarkes Stück auf die Bühne gebracht - zu sehen bis 14. Mai in der Arte-Mediathek unter der Kategorie Auf zum Tanz, die übrigens ein breites Angebot an stilistisch unterschiedlichen Tanzstücken kostenlos zur Verfügung stellt. Der gebürtige Marburger Spuck trat 2012 in große Fußstapfen: Er übernahm das Züricher Ballett von seinem Vorgänger Heinz Spoerli, der unumstritten zu den wichtigsten Choreografen und Ensemble-Direktoren der letzten Jahrzehnte zählte. Heute ist Spuck einer der wenigen Choreografen, die sogar am renommierten Bolschoi Theater in Moskau inszenieren. Während der Corona-Krise zeigt der 51-Jährige Virgina Woolfs Klassiker "Orlando" dort als Ballett.

Christian Spucks Ensemble-Mitglieder changieren problemlos zwischen zeitgenössischem und neoklassischem Bewegungsrepertoire. - © Ballett Zürich / Gregory Batardon
Christian Spucks Ensemble-Mitglieder changieren problemlos zwischen zeitgenössischem und neoklassischem Bewegungsrepertoire. - © Ballett Zürich / Gregory Batardon

Auch erhielt er 2019 den Prix Benois de la Danse, den Oscar der Tanzwelt, für seine Inszenierung von "Winterreise", die minimalistisch erscheint, dahinter aber raffinierte und strikte Detailgenauigkeit versteckt: Neonröhren hängen von der Bühnendecke, Betonwände, die nur zwei Gassen ermöglichen, verdeutlichen die Einsamkeit jenes verlassenen Mannes in Schuberts "Winterreise", der in 24 Liedern verloren und verletzt herumirrt. Die Titel der Lieder werden eingeblendet, der junge Schweizer Tenor Mauro Peter verleiht dem Leid seine sonore Stimme.

Die Welt der Emotionen

Es ist eine Mischung aus großen formalen Ensembleszenen, kurzen Soli und zahlreichen Duetten, die diese Reise in die Welt der Emotionen auf die Bühne bringt. Man sieht ein durchaus homogenes Ensemble, das Spucks choreografischen Stil verinnerlicht hat. Je nach Lied changiert er einmal mehr dann wieder weniger zwischen zeitgenössischem und eher neoklassischem Bewegungsmaterial - mit einer seltenen Verwendung der Spitzenschuhe: Hier wird auch auf Halbspitze gedreht, wie man es für gewöhnlich mit den weichen Sprungschuhen tanzt.

Spucks Inszenierung ist keine simple Aneinanderreihung von Szenen, obwohl jedes Lied eine scheinbar eigene Tanz-Dramaturgie und ein eigenes Bewegungsrepertoire besitzt. Immer wieder erkennt man Zitate szenischer oder choreografischer Natur der bereits gesehenen Lieder. Trotz fast 100 Minuten ohne Pause lässt Spuck keine Langeweile aufkommen, seine Bilder nebst dem Tanz faszinieren.