Am Anfang war das Streaming, gefolgt von Wohnzimmer-Lesungen und Miniaturkonzerten. Dann kamen hybride Spielformen wie Live-Streams, Zoom-Performances, Twitter-Dramaturgien, Telefontheater und Audiowalks: Willkommen im Corona-Spielplan. Digitales Theater gab es freilich schon vor Corona, durch die pandemiebedingten Theaterschließungen sind digitale Spielformen jedoch im Mainstream angekommen.

Das Internetportal Nachtkritik erkannte früh das Potenzial des Netztheaters, bereits im März vergangen Jahres, gleichsam parallel zu Ausgangssperren und landesweiten Theaterschließungen, sammelte das Branchen-Portal erste Streaming-Tipps, die bald zu einem veritablen Online-Spielplan anwuchsen. Folgerichtig organisiert Nachtkritik nun vom 15. bis 17. April "Zoom in", ein Netztheater-Festival mit sechs virtuellen Gastspielen, die höchst unterschiedliche Positionen der neuen Sparte ausleuchten. Außerdem gibt es Zoom-Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern; in Experten-Panels wird es etwa um Plattformen und Paywalls (16. April) gehen. Die drei Workshops zu rechtlichen Fragen im digitalen Raum, zu Hybrid-Produktion und der Basisprogrammierkurs sind bereits ausgebucht.

Chat aus "Werther.live". - © Cosmea Spelleken / Screenshot
Chat aus "Werther.live". - © Cosmea Spelleken / Screenshot

Bildschirm-Bühne

Obwohl im vergangenen Jahr auch einige große Bühnen mit digitalen Projekten experimentierten, stammen die innovativsten Netztheater-Inszenierungen dieses Jahres von freien Gruppen, die zum Teil schon vor der Pandemie online aktiv waren.

Aus Österreich wurde die Theaterformation Nesterval mit ihrer zweiten Zoom-Performance "Goodbye Kreisky" ausgewählt (16. April). Darin geht es um eine satirische Versuchsanordnung rund um die Erneuerung der Sozialdemokratie. In "Goodbye Kreisky" funktioniert Theater wie Homeoffice: Die Vorstellung findet via Zoom-Konferenz statt, die Theaterbesucher sind vor den Bildschirmen in Gruppen zu je zwölf Personen zusammengefasst und können via Handzeichen die Handlung beeinflussen. Die Truppe verbindet in "Goodbye Kreisky" gekonnt ihr immersives Theaterformat mit gefilmten Szenen und den spielerischen Möglichkeiten von Zoom-Konferenzschaltungen.

Für Nesterval waren die beiden Kreisky-Inszenierungen die ersten Versuche im Online-Theater, beide Projekte waren ursprünglich als reale Theateraufführung mit dem Wiener Theaterproduktionshaus brut geplant, erst aufgrund der Aufführungsverbote wurden sie ins Internet verlegt. Ähnlich erging es dem Performancekollektiv "vorschlag:hammer", das seit über zehn Jahren performatives Erzähltheater erarbeitet und mit "Twin Speaks" erstmals ins Internet emigrierte: Die Aufführung, ein Krimi frei nach David Lynch, entfaltet sich via Gruppen-Chats auf Telegram, Sprachnachrichten, Sticker und Videos. Mit "Twin Speaks" eröffnet das "Zoom in"-Festival am 15. April.

Das queerfeministische Kollektiv Swoosh Lieu setzt sich in einer audiovisuellen Bearbeitung in "A Room of Our Own - Vorstellung für Browser:in und variables Publikum" mit Virgina Woolfs Essay "A Room of One’s Own" (1929) auseinander und verweist auf den Backlash, den Frauen vielerorts durch die Corona-Krise erleben. Einen gestreamten Film mit dem Titel "Brigitte Reiman besteigt den Mont Ventoux" steuern Marlene Kolatschny und Jan Koslowski bei.

Das Netztheater-Festival "Zoom in" stellt auch Nachwuchs-Netzartisten vor: Das Diplomprojekt "Der Kult der toten Kuh" von Laura Tontsch bezeichnet sich selbst als "Instagame" und versucht sich an einem neuen Genre: Die Theaterbesucher begeben sich für die Dauer des Festivals auf Instagram in ein von der Theatermacherin angeleitetes Spielnarrativ. In "Werther.Live" erzählt eine Gruppe junger Theaterleute um Regisseurin Cosmea Spelleken Goethes Briefroman aus 1774 ausschließlich mit den Mitteln und Möglichkeiten sozialer Medien: Lotte und Werther lernen sich nicht bei einem Ball, sondern einer eBay-Versteigerung kennen, Zoom und Skype ersetzen Spaziergänge, Schwärmereien finden via Instagram-Profil und Facebook-Account statt. Chats und Sprachnachrichten ("Hey, Digga"), Musikclips und Videocalls, schnelle Schnitte, heftige Emotionen: "Werther.Live" war der Netztheater-Hit der Corona-Spielzeit, die junge Truppe wurde ausgezeichnet, schaffte es auf die Nominierungsliste des Berliner Theatertreffens und beendet nun das Netztheater-Festival am 17. April.

Das reale Theater wird eines Tages wieder geöffnet sein, das Netztheater aber wird bleiben, eine neue Sparte hat sich etabliert.