Eine Tanzschule und ein Tanzstudio sind doch ein und dasselbe, hört man da. Dass sich das eine dem Gesellschaftstanz und das andere hingegen der darstellenden Bühnenkunst mit all ihren Stilen widmet, weiß wohl nicht jeder. Oft auch nicht jene Personen, die in den Ministerien dafür verantwortlich sind. "Da wundert man sich schon", sagt Christoph Lipinski von Vidaflex, der gewerkschaftlichen Initiative für EPUs und Neue Selbstständige, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung".

Diese Unkenntnis zwischen Schule und Studio ist jedoch das kleinste Problem der heute freischaffenden professionellen Tänzerinnen und Tänzer: Unterbezahlung, schlechte soziale Absicherung und kaum Perspektiven ist das Fazit einer Studie, die Vidaflex in Auftrag gegeben hatte. Bereits im ersten Lockdown vor einem Jahr hätten Tanzschaffende "SOS geschrien", so Lipinski. "Um diese Neuen Selbstständigen hat sich zuvor niemand etwas gepfiffen, und wenn man in dieser Corona-Krise etwas Gutes sehen möchte, so ist es, dass unbeachtete Themen aufgepoppt sind." Mehr als 500 Tanzschaffende haben bei der Studie teilgenommen. Und hier stellt sich für Lipinski eine wesentliche Frage: "Wie viele dieser Freischaffenden gibt es überhaupt in Österreich? Dazu gibt es keine Zahlen, das wurde bisher vernachlässigt. Wir wissen nur, dass es mindestens 500 sind, denn die haben mitgemacht." Dabei wäre es äußerst wichtig zu wissen, wie viele Menschen in dieser prekären Situation leben. "Nicht, dass mich die Ergebnisse der Studie verwundert hätten, aber es wurde das extrem niedrige Einkommensniveau bestätigt", sagt Andrea Nagl im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Sie ist freischaffende Tänzerin, unterrichtet auch Tanz, und ist neben Nadja Puttner Mitbegründerin der Initiative Tanz und Bewegungskunst.

Einkommen unter Steuergrenze

Die Einkommen in der freien Tanzszene bewegen sich nicht erst seit der Corona-Krise vorwiegend im unteren Segment: 41 Prozent der Studienteilnehmer verdient im Jahr weniger als 11.000 Euro brutto. Bis 18.000 Euro sind es 22 Prozent. "Ich verdiene auch immer rund um die Steuergrenze", so Nagl. Aussagen in Posts etwa zu den Einkommensverhältnissen der Künstler wie "dann geht doch Ziegelsteine schleppen", oder "es ist ja nur ein Hobby" verärgern sie sehr: "Natürlich sind wir Idealisten und natürlich weiß man: Wenn man sich auf Kunst einlässt, dann wird man nicht reich."

Doch bedarf es eines hohen finanziellen Aufwands, um überhaupt professionelle Tänzerin oder Tänzer zu werden und auch zu bleiben: "Wir haben erkannt, dass sie unglaublich viel Geld in ihre Ausbildung und ihr Training stecken", so Lipinski von Vidaflex. Honoriert wird dies jedoch nicht. Es kommt sogar oft vor, dass sie mit kleinen Tanzrollen an großen Häusern als Statisten beschäftigt werden. Die Gage ist so freilich niedriger. Dass ihre Kollegen so ausgenützt werden, ist auch für Nagl seit der Studie offensichtlich geworden. Sie selbst beträfe es nicht, da sie in der Off-Szene arbeitet: "Auch Tänzerinnen und Tänzer, die in Theatern arbeiten, bekommen oft gerade einmal eine Aufwandsentschädigung bezahlt. Doch das sind Institutionen, die sehr wohl ein Budget zur Verfügung haben." Die Forderung nach Mindesthonoraren hat sich Vidaflex und die Initiative Tanz und Bewegungskunst nun zur Aufgabe gemacht. Wie auch die soziale Absicherung, um die es schlecht bestellt ist.

Keine Rücklagen möglich

Mehr als 80 Prozent der Befragten erachten ihre soziale Absicherung als wenig bis gar nicht ausreichend und wünschen sich Veränderungen. Ganz vorne steht hier neben einer besseren Unfallversicherung auch im Training der Wunsch nach Krankengeld ab dem ersten Tag. Zurzeit wird erst nach 43 Tagen eine Krankenentgelt-Fortzahlung ausbezahlt. "Wissen Sie, was das bedeutet, wenn ich ein durchschnittliches Einkommen von 1.218 Euro habe?", fragt Lipinski: "Wie bezahlt man seine Miete, Strom, Essen in den 43 Tagen?" Rücklagen kann man bei diesem niedrigen Einkommen nicht bilden. Gerade in einem Land wie Österreich, das sich gern als Kulturland rühmt, würde man sich bessere Verhältnisse wünschen. "Die Liebe zum Tanz ist dann zu Ende, wenn es ums Monetäre und um Absicherung geht", betont Lipinski.

Tanz als eigenständige Sparte

Besonders in der Corona-Krise waren nicht nur die Tänzer, sondern sämtliche Neue Selbstständige sich selbst überlassen: Informationen bekamen sie nur aus den Medien, da sie keine Kammer-Mitglieder sind. "Das betrifft rund 100.000 Personen, für die sich niemand zuständig fühlt." Ohne Planungssicherheit könne man kein Unternehmen führen. Auch die übliche Praxis der Mischbeschäftigung und der Aufwandsentschädigungen hätte dazu geführt, dass ein beträchtlicher Teil der Tanzschaffenden so gut wie keine Corona-Hilfen erhalten hat. Der Begriff "Tanz" kommt übrigens in den Corona-Verordnungen immer noch nicht vor. Dementsprechend schwierig ist es, die Verordnungen für dieses Genre sinnvoll zu interpretieren.

Das Wichtigste für die Initiative Tanz und Bewegungskunst sowie Vidaflex ist es nun, Bewusstsein zu schaffen - in der Gesellschaft, innerhalb der Kunstsparten und in der Regierung, sodass Tanz als eigenständige Sparte wahrgenommen wird und somit eine Verbesserung der Arbeitssituation erreicht werden kann.