Es gibt Momente, da liegt ein Buh-Orkan förmlich in der Luft. Da warten die Zornesblitze im Saal nur noch auf den Schlussvorhang, um ihrer Energie freien Lauf zu lassen. So ein Sturm wäre am 11. April wohl an der Staatsoper losgebrochen, hätte das zahlende Publikum Einlass erhalten. Doch die Covid-Maßnahmen hatten dafür gesorgt, dass nur einige Berufshörer der Premiere des "Parsifal" beiwohnen durften; die Aufzeichnung ist erst nun, seit 18. April, online in voller Länge zu besichtigen (siehe Kasten). Bis dahin waren auch die Kritiker dazu angehalten, ihren Mitteilungsdrang zu zähmen.

Kein Leichtes angesichts einer Regie, die kühn aus dem Mainstream hervorragt und das Interesse schon darum bannt, weil sie von Kirill Serebrennikow stammt, jenem Theater-Star, der im Zuge einer umstrittenen Strafverfolgung in Russland Monate in Haft und Hausarrest verbrachte.

Mit Duschraum-Totschlag

Serebrennikow hat nun auch Richard Wagners "Parsifal" in ein Zuchthaus verfrachtet. Wieso? Da schwingt wohl persönliches Leid mit. Die Wahl lässt sich aber auch durch das Grundszenario rechtfertigen: Wagners Ritterbund hofft auf Befreiung, seit König Amfortas verletzt darniederliegt und sich weigert, das magische Amt der Gralsenthüllung zu vollziehen. Diese Gesellschaft ist, sozusagen, gefangen.

Eine griffige Metapher macht aber noch keinen Opernabend, schon gar nicht, wenn sie sich an allen Ecken und Enden mit der Handlung spießt. Das beginnt schon, wenn Gurnemanz’ "He! Ho!"-Weckruf anfangs ins Sinnentleerte geht, weil die Knackis rundum längst Gewichte stemmen. Und es zieht sich bis zu Parsifals Lob auf die schöne "Aue", gesungen im Betongrau. Diese Bild-Text-Scheren klaffen wie Amfortas-Wunden.

Andererseits müht sich Serebrennikow, die Schlüsselmomente des "Parsifal" in seine Bilderwelt einzupassen. Anfangs etwa den Tabubruch des späteren Heilsbringers: In Wagners Original verärgert der "reine Tor" die Ritter durch seine Schwanenjagd im Gralsbezirk. Ins Gefängnismilieu verlegt, wehrt sich Parsifal im Duschraum gegen einen Annäherungsversuch mit Totschlag - heftig dargestellt auf drei Bildschirmen am oberen Bühnenrand.

Die Kernfrage bleibt aber: Wer sind diese tätowierten Kerle? Häfenbrüder von heute, oder irgendwie doch Ritter im Geiste? Es erschließt sich nicht auf der Bühne, sondern nur im Programmheft. Dieses erzählt von Häftlingen, die Kraft aus seltsamen Mythen schöpfen, von einem Neuling, der sich die Hierarchie hochhangelt, und von einer Fotoreporterin namens Kundry mit ungutem Chef. Der will Parsifal nach dessen Entlassung manipulieren und stellt die Mitarbeiterin darauf ab. Doch die Szene endet, peng! peng!, übel für den Geschäftsführer. Ein verworrener Plot - wohl auch dazu erfunden, um die Logiklöcher auf dem Papier zu schließen.

Wirkmächtige Bilderflut

Nimmt man diesen "Parsifal" aber nicht als Erzählung beim Wort, sondern als eine Bilderflut in sich auf, entfacht er enorme Wirkung. Vielleicht noch nie hat die Staatsoper ein so filmisches, wuchtig körperliches und seelisch berückendes Schauspiel erlebt. Wie sich Amfortas, gezeichnet von Selbstverletzung, aufgrund einer anklagenden Vaterstimme im Ohr die Adern öffnen will, steht exemplarisch für diesen starken Tobak. Poetisch die Verdoppelung des Helden: Dem jungen Parsifal (Schauspieler Nikolay Sidorenko) steht von Anfang an der gereifte Ritter des dritten Akts gegenüber, in Gestalt von Jonas Kaufmann. Metallisch-markant im Klang, singt er die ersten zwei Akte meist an der Rampe, bis sich die Figuren in einer höheren Erkenntnis zu sehen beginnen. Schnee fällt in den Zellentrakt.

Musikalisch begeistert nicht nur der Tenor mit dem süffigen Timbre. Georg Zeppenfeld verleiht dem Gurnemanz einen klaren, konturierten Bass; Ludovic Tézier gießt den Selbsthass des Amfortas in siedende Töne; Wolfgang Koch brilliert als hartherziger, höhnischer Klingsor. Und Elina Garanča als Kundry? Mit ihren lodernden Kantilenen, purpurnen Lockrufen und gleißenden Spitzentönen ein Quell mystischer Energie.

Chefdirigent Philippe Jordan animiert den Chor zu einer kompakten Leistung und erzeugt mit dem Staatsopernorchester einen fiebrigen, feinabgestuften, klangfarbenprallen Drive: Hut ab. Wie das post-pandemische Publikum auf diesen Wagner reagiert, bleibt freilich abzuwarten.