Mit einer Opernpremiere ist es momentan wie mit einer Flaschenpost: Es kann eine Weile dauern, bis sie ihren Empfänger erreicht. Die Theater versuchen zwar, ihre Premierenpläne einzuhalten. Das Publikum muss lockdownbedingt jedoch das eigene Heim hüten - und auf eine Übertragung im Fernsehen oder Streamingkanal warten. Bis zum Sendetermin solcher Geisterspiele, in leeren Häusern vor Kameras, Mikrofonen und einer Handvoll zugelassener Kritiker veranstaltet, vergehen mitunter Monate.

Am Wochenende gelangen nun zwei solche Abende über die mediale Nabelschnur an die Öffentlichkeit: der mit Spannung erwartete "Parsifal" der Staatsoper und das Liebesdrama "Thaïs" aus dem Theater an der Wien. Letzteres ist bereits Ende Jänner aufgezeichnet worden und wurde von der "Wiener Zeitung" umgehend rezensiert. Regie-Ikone Peter Konwitschny hat die Geschichte vom Aneinander-Vorbeilieben der Kurtisane Thaïs und des Asketen Athanaël mit einem intensiven Schauspiel aufgeladen: Auf einer leeren Bühne, in umso markanteren Kostümen nähern sich die beiden Figuren einander an, spüren in der Fremdheit des anderen das jeweils eigene Defizit, ohne letztlich symbiotisch zu verschmelzen. Es wäre kein Konwitschny-Abend, hätte der Deutsche dem Spiel nicht auch einige polarisierende Akzente beigemischt. Uneingeschränktes Lob fand dafür die musikalische Seite des Massenet-Dramas in der "Wiener Zeitung": Nicole Chevalier und Josef Wagner brillieren in den Hauptrollen, Dirigent Leo Hussain lässt am Pult des RSO Wien französisches Sentiment zu, verleiht dem Klangbild aber auch Ecken und Kanten - zu sehen und hören am Sonntag, 18. April, ab 21.30 Uhr auf ORF III.

Die "Parsifal"-Deutung von Regisseur Kirill Serebrennikow wiederum hatte ihre Live-Premiere am vorigen Sonntag an der Staatsoper. Dass Rezensionen bisher ausblieben, liegt an einer Bitte der Direktion: Sie hat die Kritiker ersucht, bis zum 18. April Funkstille zu wahren. Ab diesem Tag, 16 Uhr, ist die Aufzeichnung in voller Länge auf orf.at abrufbar, ab 14 Uhr zudem auf dem Online-Portal Arte Concert. Die ORF-2-Sendung "Der Fall Parsifal" zeigt schon tags zuvor (22 Uhr) Ausschnitte aus der Produktion, in der Jonas Kaufmann (Parsifal) und Elina Garanča (Kundry) in einem Gefängnis um Erlösung ringen. Ö1 überträgt den Abend - freilich ohne die wagemutigen Bilder - am Samstag, 19.30 Uhr.