Tina Lorenz wurde 2020, passgenau mit Beginn der pandemiebedingten Theaterschließungen, am Staatstheater Augsburg als Projektleiterin für digitale Entwicklung engagiert - eine der ersten Positionen dieser Art an einer deutschsprachigen Bühne. Die "Wiener Zeitung" wirft mit der Pionierin einen Blick in die Zukunft des Theaters.

"Wiener Zeitung": Was gehört zu Ihren Aufgaben?

Tina Lorenz: Wir erfinden den Job gerade erst, dabei ist uns klargeworden, dass Digitalisierung eine Schnittstellenaufgabe ist, ich habe mit jedem Bereich des Hauses zu tun. Im Augenblick liegt das Hauptaugenmerk auf dem Operativ-Kreativen. Da die Bühnen geschlossen sind, dreht sich alles um die Frage, wie wir über digitale Kanäle unser Publikum erreichen können und wie wir unsere künstlerische Arbeit digital vermitteln können. Aber ich setze mich genauso mit strategischen Fragen auseinander: Wie können wir administrative, kaufmännische und technische Arbeitsprozesse im gesamten Haus digital verbessern? Das Staatstheater Augsburg ist da gut aufgestellt, aber vielerorts gibt es einen Digitalisierungsstau, oft wird mit veralteter Software gearbeitet, manche füllen Tabellen sogar noch händisch aus.

Tina Lorenz. - © Jan Pieter Fuhr
Tina Lorenz. - © Jan Pieter Fuhr

Welche künstlerischen Projekte setzen Sie derzeit um?

Im Tanztheater setzen wir uns gerade mit der Interaktion von Mensch und Maschine auseinander, indem wir eine Choreografie mit einem Industrieroboter erarbeiten. So etwas wollte ich schon immer machen. Mit dem Orchester haben wir zuletzt die VR-Produktion "Bilder einer Ausstellung" aufgenommen, dabei können Besucher mit der VR-Brille vier verschiedene Positionen innerhalb des Orchesters einnehmen, ein und dasselbe Musikstück klingt völlig anders, wenn man zwischen den Blechbläsern oder den Streichern positioniert ist. Im Sprechtheater bieten wir einen VR-Spielplan mit fünf verschiedenen Aufführungen an - von David Mamets "Oleanna" bis zu "Event", einem Monolog von John Clancy in englischer und deutscher Sprache.

Twitch-Theater ist Kommunikation auf sämtlichen Kanälen. - © Fuhr
Twitch-Theater ist Kommunikation auf sämtlichen Kanälen. - © Fuhr

Wie geht man ins VR-Theater?

Sie bestellen die VR-Brille über unsere Website, wir schicken sie per Post zu Ihnen nach Hause, die Brille enthält unsere 360-Grad-Inszenierungen, innerhalb von zwei Tagen können Sie, wann immer Sie wollen, die von Ihnen gewünschte Aufführung ansehen, dann schicken Sie die Brille retour.

Wo liegen die theatralen Qualitäten von Virtual-Reality?

Es gibt erstaunlich viele Parallelen zum Theater: Virtual Reality vermittelt ein Gefühl von Live-Präsenz, setzt man die Brille auf, befindet man sich gefühlsmäßig am selben Ort wie der Schauspieler. Die Brille ermöglicht dem Träger freie Blickführung, der Schauspieler muss sich Raum und Aufmerksamkeit ähnlich erarbeiten wie beim Spiel auf der Bühne. Die VR-Brille kommt einem Theatererlebnis näher als beispielsweise ein Stream mit Bildregie. Wir konnten damit übrigens auch Communities ansprechen, die sonst nicht ins Theater gehen würden.

Welche digitalen Möglichkeiten eignen sich noch für das Theater?

Wir haben gute Erfahrungen mit Twitch gesammelt: eine Streamingplattform, vergleichbar mit YouTube, die aber auch Live-Momente ermöglicht. Via Twitch haben wir eine Art Soap-Opera entwickelt: "W, eine Stadt sucht eine Wohnung", man erlebt Regisseurin Nicola Bremer bei der Probe, die Zuschauer sind via Twitch-Chat in den Inszenierungsablauf eingebunden und können die Handlung sogar beeinflussen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Computertechnikern und Bühnenkünstlern?

Computernerds und Theatermenschen sind einander ähnlicher, als man glaubt, aber sprechen meist nicht dieselbe Sprache, meine Rolle gleicht der einer Übersetzerin und Vermittlerin.

Welche digitalen Projekte werden Corona überdauern?

Vor allem jene, die das Medium mitdenken. Am Staatstheater Augsburg werden wir nach Corona weiterhin szenische Möglichkeiten von VR-Brillen ausloten. Wir denken etwa über immersive digitale Welten nach, die Zuschauer könnten sich wie Avatare in einer online gestalteten Welt bewegen, unmittelbar mit anderen Besuchern und den Darstellern interagieren. Die Virtual Reality wäre eine Erweiterung des Bühnenraums.

Im theaternetzwerk.digital haben sich 15 Bühnen zusammengeschlossen. Was will das Netzwerk?

Es geht um Wissens- und Erfahrungsaustausch im Bereich Digitaltheater und Theaterdigitalisierung, aus Wien ist etwa das Volkstheater dabei. Die Branche hat lange Zeit digitale Entwicklungen verpasst, das ist uns während der Pandemie auf den Kopf gefallen.

Man sah viel Unausgegorenes.

Ich sehe das nicht nur negativ. Das Theater musste sich aus seiner Komfortzone bewegen, etwas Neues ausprobieren, da darf man auch scheitern. Warum muss am Theater immer alles gelingen? Wir brauchen mehr Risikofreude, gerade wenn es um eine neue Sparte wie das Digitaltheater geht.