Es liegt an der Popkultur, dass Endor heute vor allem im "Star Wars"-Universum verortet wird - als jener Waldmond, auf dem zottelige Zwerge namens Ewoks hausen. Dabei kannte schon das Alte Testament ein "En Dor", und in dieser Gegend passierte wenig Gutes. Saul, erster König des Volkes Israel, befragte dort eine Totenbeschwörerin zum Ausgang einer nahen Schlacht. Die Prognose war so düster wie korrekt: Der Anführer, in Ungnade gefallen bei Gott und Volk, würde das Zeitliche segnen.

Georg Friedrich Händel hat diesem Untergeher ein Oratorium gewidmet, und es fesselt um einiges mehr als manches andere Genrestück. Nach barockem Brauch für die Konzertbühne geschrieben, entwickelt "Saul" dennoch den dramatischen Ehrgeiz einer Oper und zehrt vom Funkenflug zwischen zwei unverhofften Kontrahenten. Hier Saul, der einst erfolgsverwöhnte Gottesliebling, da der Emporkömmling David: Jung, schön und siegreich gegen Goliath, genießt dieser Wunderknabe nun die Gunst Israels und Jahwes. Womit Saul auf dem absteigenden Ast sitzt, dies aber in Ermangelung von Dulder-Qualitäten - der Mann ist Feldherr, kein Stoiker - nicht kampflos hinnehmen mag.

Rondell der Seelenlandschaften

Es kommt somit nicht von ungefähr, dass Claus Guth, Experte für seelische Feinmechanik auf der Opernbühne, diesen "Saul" 2018 inszeniert hat. Und es hat seinen Grund, dass das Theater an der Wien diese Arbeit nun nahezu personengleich wieder einstudierte und (vor einigen Kritikern) für die Fernsehkameras aufzeichnen ließ (Sendetermin: siehe Kasten). Die drei Stunden erhellen die wechselnde Gefühlswetterlage der Figuren, ohne sich weit von der Handlung zu entfernen oder diese bibelnah zu bebildern. Die rotierende Drehbühne (Ausstattung: Christian Schmidt) bildet mit ihren verschiedenen Sektoren gewissermaßen ein Rondell der Seelenlandschaften: Hier ein verfliestes Zimmer, in dem die Daseinsängste des Monarchen gestenreich Raum finden; dort Sauls Familiensalon, in dem der Aufsteiger David aus pflichtschuldigem Dank Sekt erhält und die Hand einer Königstochter; und schließlich jene archaischen Weiten, in denen das Volk wandelt, anfangs in dunklem Gewand wie sein vertrautes Oberhaupt. Wenn die Israeliten letztlich zu Davids Weiß wechseln, steht Sauls Familie auch farblich auf verlorenem Posten.

Im Zentrum brilliert Florian Boesch: Kaum einer versteht es, bärbeißigen Bassbaritonrollen solches Format zu verleihen, dem eigenen Donnerklang aber auch Töne beizumengen, die von Verletzlichkeit, Kränkung und (im Falle Sauls) wachsendem Irrsinn künden. Jake Arditti singt den David zwar nicht durchwegs unanfechtbar, doch in Schlüsselstellen mirakulös: Sein Countertenor versinnbildlicht reine Schönheit, die sich in Kraft verwandelt. Anna Prohaska und Guilia Semenzato zeigen sich davon als Saul-Töchter klangschön angetan, Rupert Charlesworth bringt als ihr Bruder Jonathan einen süffigen Tenor mit prägnanter Pfeffernote ein.

Fulminant das Freiburger Barockorchester unter Christopher Moulds: Stimmige Tempowechsel und pointierte Akzente verleihen Händels Klangstrom emotionalen Gehalt, Farbeffekte leisten ihren psychologischen Dienst. Und wie einsatzsicher und wohlbalanciert sich der Klang des Arnold Schönberg Chors damit mischt, ist ein Schauspiel für die Ohren, das letztlich auch für das etwas längliche Finale entschädigt. Zum Nachhören dringend empfohlen.