Der Schwan, der Inbegriff des klassischen Balletts: Die zarte Tänzerin trippelt nur mit einem Spot beleuchtet mit dem Rücken zum Publikum über die Bühne. Ihre Arme schwingen in wellenartigen Bewegungen wie das sanfte Schlagen der Schwanenflügel. Dann fällt sie in sich zusammen, rafft sich mühevoll wieder auf, um letztlich mit gesenktem Kopf, Oberkörper sowie Armen, am Boden sitzend mit einem Bein nach vorne gestreckt, langsam zu sterben. Es ist das Solo "Der sterbende Schwan", das jedoch zum Kitsch verkommt, wenn es nicht mit überzeugender Darstellungskraft getanzt wird. Seit seiner Entstehung 1907 in der Choreografie von Mikhail Fokine und mit der Musik von Camille Saint-Saëns ist es im Repertoire aller großen Startänzerinnen: Anna Pawlowa, Alicia Markova oder auch Maija Plissezkaja, die diese Rolle bis ins hohe Alter verkörperte.

114 Jahre, 3 Lockdowns und 1 Pandemie später wird dieses Solo des Leidens und des Sterbens in die Corona-Gegenwart geholt: Wie sterbende Schwäne hätten seine Tänzer die Köpfe hängen lassen, als er ihnen den zweiten Lockdown verkünden musste, sagt Eric Gauthier, Chef von Gauthier Dance am Stuttgarter Theaterhaus in einem Interview mit 3sat. Der 44-Jährige gründete nach seinem Engagement am renommierten Stuttgarter Ballett mit gerade einmal 30 Jahren seine Kompagnie Gauthier Dance, die im Theaterhaus Stuttgart eine feste Spielstätte fand und von dort aus weltweit tourt. Umso enttäuschter zeigten sich seine Tänzer über den weiteren Arbeitsstopp.

Mark Sampson tanz die "The Dying Swans"-Choreografie von Elisabeth Schilling. - © ZDF / Jeanette Bak
Mark Sampson tanz die "The Dying Swans"-Choreografie von Elisabeth Schilling. - © ZDF / Jeanette Bak

Doch das Bild der hängenden Köpfe ließ Gauthier nicht los: "Mir hat diese Idee gefallen." Daraus entstand das Projekt zu einem digitalen Abend aus "Schwanen"-Soli: 16 Tänzer, 16 Choreografen, 16 Komponisten und (fast) 16 Filmemacher zeigen ihre Variationen des traditionellen Ballett-Solos - aufbereitet für den Bildschirm. Mit dabei sind internationale Größen von Mauro Bigonzetti über Edward Clug bis Constanza Macras. Gauthier lud aber auch Nicki Liszta und weitere Choreografen aus der freien Szene Stuttgart ein, beim Projekt mitzumachen. "Ich bat diese Choreografen, hoffnungsvolle oder auch leidende Schwäne zu zeigen. Aber keine sterbenden. Das brauchen wir zurzeit nicht", so der Choreograf im Interview. "Schwäne, die etwa kein Futter haben. So wie die Tänzer, denen der Applaus und die Liebe der Zuschauer fehlen."

Binnen drei Wochen hatte der Choreograf das Geld für das "Dying Swans Project" mithilfe von Sponsoren und Kooperationspartner aufgestellt. Die Tänzer und Choreografen arbeiteten zwischenzeitlich zum ersten Mal über Zoom und Skype ob der Diatanzen und deren Reisebeschränkungen. Da es keine Bühne zur Verfügung gibt, kam Gauthier die Idee 16 Filmemacher anzurufen, um diese Soli als Kunstfilme zu inszenieren. Auch 16 Komponisten fand er, die die Musik eigens für diese Stücke geschrieben haben. "Das heißt, dass wir in dieser Corona-Zeit Arbeit für 64 Künstler gefunden haben. Ich bin stolz", so Gauthier.

Die stilistisch äußerst unterschiedlichen Soli sind nun auf den Social-Media-Kanälen von Gauthier Dance, im Youtube-Channel des Theaterhauses Stuttgart sowie in der 3sat-Mediathek zu sehen.