Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" zählt zu den seltenen Stücken des Weltdramas, die weit über die Theaterwelt hinausweisen - und seinen Autor über Nacht berühmt werden ließ: Das Kräftemessen zwischen Bettlerkönig Peachum und Verbrecheroberhaupt Mackie Messer bescherte bei der Uraufführung 1928 dem damals 30-jährigen Dramatiker sowie dem Avantgarde-Komponisten Kurt Weill Schlagzeilen und Unsterblichkeit am Theater. "Die Moritat von Mackie Messer", "Seeräuber-Jenny", "Kanonensong" sind Welthits. "Erst kommt das Fressen, dann die Moral" ist in jedem gehobeneren Zitatenschatzkasten zu finden.

Bühnenhit

Mit der "Dreigroschenoper" kann man nur gewinnen. Dieses perfekt gebaute Musiktheaterstück ist bis heute ein garantierter Bühnenhit. Mit der "Dreigroschenoper" kann man zugleich einiges verlieren. Kaum etwas ist schwerer, als den typischen Dreigroschen-Sound passgenau einzufangen. Sieg und Niederlage, geläufige Annäherung und Entfernung: Beides trifft auf die Neuinszenierung der "Dreigroschenoper" in den Kammerspielen zu, die via TV-Aufzeichnung erstmals vergangenen Sonntag auf ORF III zu sehen war und in der ORF Mediathek noch bis 1. Mai abrufbar sein wird; der Termin für die Bühnenpremiere steht coronabedingt noch nicht fest.

Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm: Impresario Herbert Föttinger als Bettlerkönig Peachum, vorne Swintha Gersthofer als Polly und Maria Bills Bühnencomeback. - © Moritz Schell
Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm: Impresario Herbert Föttinger als Bettlerkönig Peachum, vorne Swintha Gersthofer als Polly und Maria Bills Bühnencomeback. - © Moritz Schell

"Die Dreigroschenoper" in den Kammerspielen? Die Bühne ist für die personenreiche Aufführung und zehnköpfiges Live-Orchester schmal bemessen. Die Bühnenbildner Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos haben deshalb eine gewitzte Lösung gefunden: Mittels Stegen ermöglichen sie den Schauspielerinnen und Schauspielern vertikale Auftrittsmöglichkeiten, das Orchester bleibt nur physisch am Boden: So lassen sich zwar effektvolle Massenszenen arrangieren, das szenische Zwischenspiel wirkt notgedrungen aber leider mitunter etwas statisch. Noblesse oblige, so dürfte das heimliche Motto von Torsten Fischers Inszenierung lauten: Bettler und Ganoven tragen hier durchwegs Frack und Anzug, bestenfalls lugt ein Tattoo aus strahlend weißen Hemdkrägen hervor; die Prostituierten erinnern an Nobel-Burlesque im Dita-von-Teese-Stil. Das Elend der Ausgestoßenen von Soho entfaltet höchst mondäne Eleganz, Lichtjahre von jeder Drangsal entfernt.

Achillesferse

Und die Musik, der Gesang die buchstäbliche Achillesferse jeder "Dreigroschenoper"? Die Schwierigkeit liegt hier traditionell darin, die Balance zwischen beinahe schlagerartigen Melodien und dissonanten Brüchen zu finden. Als stilprägend gelten die Originalaufnahmen von Lotte Lenya, berühmt wurde die Aufnahme des Ensemble Modern mit Max Raabe, Nina Hagen und Sona MacDonald. Erstaunlicherweise fehlt das Josefstadt-Ensemblemitglied MacDonald in der TV-Kammerspiele-Aufführung. Stattdessen müht sich Susa Meyer redlich als Spelunken-Jenny ab, Swintha Gersthofer trällert vielleicht etwas zu geschmeidig die Parts der Polly Peachum, während Maria Bill als Frau Peachum ein Bühnencomeback feiert; die Gesangsfachfrau trifft die Noten punktgenau und kraftvoll. Josefstadt-Impresario Herbert Föttinger versteht es, seine Sangeskünste mit der Darstellung der Figur des Bettlerkönigs in Einklang zu bringen; als Gegenspieler Mackie Messer überzeugt Claudius von Stolzmann - er nimmt in seinem Habitus Maß an Filmbösewichten wie Alex DeLarge aus "Clockwork Orange" und zitiert, grellrote Lippen auf weißgeschminktem Gesicht, den Comic-Erzschurken Joker. Auf dem Bildschirm beweist das Josefstadt-Ensemble sein handwerkliches Können in einer elegant-routinierten Inszenierung. Man hofft auf die Bühnenpremiere.