Ob die Keuschheit der Seele unabdingbar an jene des Körpers gebunden ist (und umgekehrt), ist nicht nur Gegenstand einer kirchlichen Debatte. Regisseur Frank Castorf hat seine Antwort darauf in der "Faust"-Inszenierung formuliert, die seit Donnerstag ein neues Zuhause an der Wiener Staatsoper gefunden hat. Bei der (vorerst nur digitalen) Premiere der Produktion, die 2017 in Stuttgart entstanden ist, zeigt Castorf jedenfalls einen recht ungewohnten Blick auf das Goethe’sche Drama. Aus dem mädchenhaft keuschen Gretchen ist eine verführerisch erfahrene Marguerite geworden, die sich beinahe nahtlos in eine Linie stellt mit anderen tragisch gefallenen weiblichen Opernfiguren von Mimì bis Manon: Sie ist mehr kundige Kurtisane denn keusche Klosterschülerin. Ihrer seelischen Unbeflecktheit tut das keinen Abbruch, die reine Liebe, die sie Faust entgegenbringt, zieht sie nicht auf die dunkle Seite.

Bühnenturm als Filmstudio

Doch nicht nur in der Figur der Marguerite bricht Castorf mit gängigen Lesarten, sein beeindruckend vielschichtiger Musitheaterabend entfernt sich - wie schon Charles Gounods Opernfassung - noch einen Schritt weiter vom Original. Angesiedelt ist dieser "Faust" in einem facettenreichen Paris mehrerer Jahrhunderte. Da spielt die Entstehungszeit der Oper um 1850 ebenso eine Rolle wie die 1960er Jahre, auch die Gegenwart lässt grüßen. Diese zeitliche Gleichzeitigkeit dreier Jahrhunderte hat Charme und widerspricht sich seltsamerweise nie. Die Vergangenheit ist schließlich in jeder Weltstadt mit Geschichte präsent und lebendig.

Einer der wandelbaren Stars des Abends ist der Bühnenturm von Aleksandar Den i, der mit vielen kleinen Räumen im Inneren als detailverliebtes Paris-Filmstudio angelegt ist. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Einer der wandelbaren Stars des Abends ist der Bühnenturm von Aleksandar Den i, der mit vielen kleinen Räumen im Inneren als detailverliebtes Paris-Filmstudio angelegt ist. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die zeitliche Gleichzeitigkeit speist den dramaturgischen Star der Produktion: das Bühnenbild, genauer den Bühnenturm von Aleksandar Denić, der sich als kompaktes Paris-Destillat erweist, das mit seinen vielen verschachtelten Räumen als vielfältiges Filmstudio dient. Marguerites Mansardenzimmer mit Chaiselongue und Opium-Pfeife ist genauso detailverliebt gestaltet, wie das "Café Or Noir" im Erdgeschoß, die Metro-Station "Stalingrad" oder die Miniaturversion eines gotischen Bogens von Notre-Dame, inklusive charakteristischer Wasserspeier. All diese charakteristischen Paris-Schauplätze bespielt Castorf, macht sie mit projizierten Live-Videos parallel zugänglich.

Nähern sich in einem zeitloses Paris an: Nicole Car als "Gretchen" vulgo Marguerite und Juan Diego Flórez als Faust. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Nähern sich in einem zeitloses Paris an: Nicole Car als "Gretchen" vulgo Marguerite und Juan Diego Flórez als Faust. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Die Geschichten, die Castorf mit diesen Mitteln erzählt, haben freilich mit Faust nur noch recht wenig zu tun. Mitunter stiehlt das Schauspiel der Oper auch die Show, wenn etwa der Teufel zur großen Liebesszene gelangweilt die Augen verdreht - überdimensional per Screen zugespielt. Interventionen wie diese kommentieren und konterkarieren die Portion Pathos, die Gounod in den Stoff gegossen hat. Die vielen Exkurse, Zitate und Metaebenen, die Castorf hier mehr interessieren als die Geschichte selbst, reichen von der Kolonialzeit und der Lust an exotischen Gegenständen bis zu einer Sozialismus- und Nationalismusdebatte. Manche dieser Ebenen erschließen sich wohl erst beim dritten oder vierten Mal. Die zeitlich wie textlich limitierte Form tut Castorfs Ideenreichtum jedenfalls gut, das Korsett Oper zähmt seine Ideenflut in ein kompaktes - und konsumierbares - Maß.

Ein in jeder Hinsicht diabolischer Méphistophélès zwischen Blutsauger, Woodoo-Meister und Totem-Träger: Adam Palka. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Ein in jeder Hinsicht diabolischer Méphistophélès zwischen Blutsauger, Woodoo-Meister und Totem-Träger: Adam Palka. - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Mit den auch in der Personenregie differenziert geführten Sängern, ist dem Team hier ein kurzweiliger, vielschichtiger Musiktheaterabend gelungen, der auch technisch auf der Höhe der Zeit steht. Opernpuristen wohl freilich mindestens einen Schritt zu weit weg von Werktreue.

Der musikalischen Qualität des Abends schadet die szenische Raffinesse kaum. Mitunter führen Musik und Szene zwar parallele Eigenleben an einander vorbei, doch es bleiben genügend Anknüpfungspunkte. Das liegt vor allem an einem herausragenden Ensemble, allen voran Nicole Car als Marguerite, die bereits im Oktober als phänomenale Einspringerin aufhorchen ließ. Stimmlich schafft sie den Bogen von dramatisch zu lyrisch ebenso wie sie szenisch den von Sinnlichkeit zu Keuschheit spannt. Juan Diego Floréz singt einen äußerst kultivierten Faust, der szenisch nicht allzu präsent ist, ganz im Gegensatz zu Adam Palka, der mit seinem sonor-schlanken Bass einen in jeder Hinsicht diabolischen Méphistophélès gibt - zwischen Vampir, Teufel und Woodooo-Meister. Fausts Gegenspieler Siébel ist mit Kate Lindsay luxuriös besetzt - eine Partie, die von Castorf nicht als Hosenrolle angelegt ist, hier buhlt eine Frau.

Ein hervorragend besetztes Ensemble auch in den mittleren bis kleinen Rollen: Monika Bohinec (Marthe) und Kate Lindsey (Siébel, rechts). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Ein hervorragend besetztes Ensemble auch in den mittleren bis kleinen Rollen: Monika Bohinec (Marthe) und Kate Lindsey (Siébel, rechts). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Musikalischer Zusammenhalt

Zusammengehalten werden die klangliche wie die szenische Ebene von Bertrand de Billy im Orchestergraben. Sein Gounod ist handfest und dennoch fein differenziert, voller Verve und doch stets in Balance. Vor allem die Sänger umschmeichelt seine umsichtige wie facettenreiche, kraftvolle wie feingliedrige Lesart.

Entfließt in ihrer Reinheit dem Teufel (Adam Palka): die in dieser Inszenierung schon von Beginn an gefallene Marguerite (Nicole Car). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn
Entfließt in ihrer Reinheit dem Teufel (Adam Palka): die in dieser Inszenierung schon von Beginn an gefallene Marguerite (Nicole Car). - © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Sollte sich der Vorhang der Wiener Staatsoper am 19. Mai wieder für Publikum heben dürfen, es stünde dieser "Faust" auf dem Programm. Für den damit wieder aufgenommenen Neustart der Direktion Bogdan Roščić ein weiteres spannendes Signal, das nicht allen Opernfreunden gefallen wird: Ein lebendiges Plädoyer für einen sich an der Gegenwart weiter entwickelnden und daran wachsenden Opernbegriff, der Musiktheater als gleichberechtigte Begegnung von Musik und Theater versteht.