"Sie nervt", singt Schubert. Das ist nicht die einzige Untiefe im Libretto von Peter Turrini. Einer von Schuberts Freunden spricht dann von einem "Betriebsausflug der einsamen Herzen". Nett gesagt. Als wäre Franz Schuberts Fahrt nach Atzenbrugg die Kaffeefahrt einer  Partnervermittlungsagentur und der Kupelwieser ein Kuppelwieser.

Doch man soll nicht jedes Wort des Librettos auf die Waagschale legen. Denn einzelne Wörter können korrigiert werden. Zumal das Werk ohnedies erst in seiner ursprünglichen Version uraufgeführt werden muss – und dann das Zeug zu einem dauerhaften Erfolg hat.

Die für 2020 geplante Uraufführung von "Schuberts Reise nach Atzenbrugg" im Münchner Gärtnerplatz-Theater  ist der Corona-Krise zum Opfer gefallen. Für die nun nachgeholte musste die österreichische Komponistin das Orchester aus Sicherheitsgründen verkleinern. Ist dabei der Kampf der solistischen Streicher stellenweise reizvoll, ist ihre Niederlage  gegen die Bläserübermacht oft aber auch frustrierend.

Eine surreale Landpartie

Das Gärtnerplatz-Theater war bereits 2016 mit einer Oper der Österreicherin erfolgreich: Damals war es "Liliom" nach Franz Molnar. Es spricht für den Intendanten Josef E. Köpplinger, dass er Johanna Doderer treu bleibt und ihr eine weitere Oper in Auftrag gab.

Die neue war ein größeres Risiko. Immerhin hatte "Liliom" bereits als Sprechstück seine Theatertauglichkeit unter Beweis gestellt. "Schuberts Reise nach Atzenbrugg" hingegen ist ein Original-Libretto, wenngleich eines von einem der instinktsichersten Bühnenautoren der Gegenwart.

Das zeigt sich umso mehr, als die Ausgangsidee fragwürdig ist, letzten Endes aber dennoch funktioniert: Schubert im Mittelpunkt von Musiktheater - das riecht nach "Dreimäderlhaus"; und das ist, man vergebe einem überzeugten Anhänger des Unterhaltungstheaters, um Klassen besser als sein Ruf, wie die Sommerarena Baden 2016 eindrucksvoll nachgewiesen hat.

Schubert aber, diesmal fixiert auf eine einzige Frau - was kann daraus schon werden? - Erstaunlicherweise, trotz vieler Missgriffe in der Wortwahl, ein glänzendes Stück Musiktheater.

Die Handlung dreht sich um Schuberts Landpartie nach Atzenbrugg im Kreise seiner Freunde und deren Freundinnen und Freunde. Turrini hat keine szenische Nacherzählung von Kupelwiesers Bildern im Sinn. Er zeichnet Schubert als einen Versager im Leben, gebeutelt von Minderwertigkeitskomplexen wegen seines Aussehens und wegen einer Fehleinschätzung seines Könnens. Schubert, schon an Syphilis erkrankt, hat sich unsterblich in Josepha von Weisborn verliebt. Die Landpartie könnte ihn an das Ziel seiner Sehnsucht bringen - doch unfähig sich zu artikulieren, bleibt er allein, während sich Josepha vor seinen Augen einem anderen zuwendet.

Natürlich ist der szenische Trick, mehrere Personen auf engem Raum zusammenzubringen und interagieren zu lassen, simpel - aber so einfach er ist, so wirkungsvoll ist er. Und was Turrini andeutet, betont Josef E. Köpplinger in seiner fulminanten Regie: Es ist eine bizarre Szenerie, die wiederholt ins Surreale kippt (Bühne und Kostüme: Rainer Sinell). Da bedarf es keiner Aktualisierungen und Umdeutungen: Das Drama wird geradlinig erzählt und ist just dadurch ein Ausloten von Abgründen. Dieser Schubert - das könnte jeder Mensch sein, der sich vereinsamt fühlt und Freunde hat, die sich durch ihn groß machen. Alles wird ihm zu Leid und Schmerz. Die Seele ist ein wüstes Land.

Die Nervenstränge der Musik

Ob die ausführlichen Schubert-Zitate die beste Idee von Johanna Doderer waren, ob sie vielleicht nicht allzusehr auf der Hand liegen, kann die Komponistin ja noch einmal überdenken. Am Schluss passt es. Die anderen Stellen verdienen originellere Lösungen. Zumal Doderers Musik, trotz der corona-bedingten Uminstrumentierung, überzeugt.

Diese Musik bekennt sich zu einer pikant gewürzten Tonalität. Die Kurzmotive verdichten sich zu melodischen Strömen von einer Schönheit und expressiven Kraft, wie sie heute im deutschen Sprachraum sonst kaum jemand schreiben mag. Wenn Schubert mit bittersüßer tenoraler Kantilene, immer wieder Textteile wiederholend, über sein Selbstmitleid hinauswächst, offenbart das Tiefenschau: Die Komponistin stemmt sich gegen den Text. Ihr Schubert versucht, sich als tragischen Helden zu erfinden - und scheitert umso mehr an seinem Spiegelbild, das ihm in seiner Selbstwahrnehmung nur jämmerlich entgegenblickt.

Daniel Prohaska realisiert das fabelhaft. Ihm assistieren Mária Celeng (Josepha von Weisborn), Alexandros Tsilogiannis (Franz von Tassié) und Mathias Hausmann (Leopold Kupelwieser) sowie ein großartiges Ensemble, aus dem Florine Schnitzel als Dorothea Tumpel und Holger Ohlmann als Schuberts Vater herausragen.

Bemerkenswerte Orchesterleistung

Dirigent Michael Brandstätter lässt das Orchester mit Präzision und Klangschönheit spielen - das klingt scharf gezeichnet und durchsichtig, blüht auf und lässt den Singstimmen, trotz markanter Bläser, genug Raum, dass jedes Wort des Textes verständlich ist.

Zu erleben war die Premiere, wie so vieles in diesen pandemischen Zeiten, als Stream - und so seien auch Thomas Mahnecke und Maximilian Berling genannt, deren Bildmischung ein zusätzlicher Bonus für den Zuschauer vor dem heimatlichen Bildschirm war.

Dass man dennoch auf eine Live-Produktion der originalen Fassung mit vollem Orchester hofft und diese für Wien ersehnt, sei freilich mit allem Nachdruck angemerkt.